Der Strippenzieher des Iran

Seit 36 Jahren herrscht Ali Khamenei über Iran und mit einem Netz aus Geheimdiensten, Proxies und Propagandaorganen auch weit darüber hinaus. Er ist ein Strippenzieher, und obwohl er sich oft fast unscheinbar im Hintergrund hält, hat er im Inland bei allem das letzte Wort – nicht der Präsident oder das ohnehin von echter Opposition freie Parlament.
Gerechnet hat mit ihm niemand, als Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Khomeini 1989 starb. Zum einen, weil Khamenei nicht, wie von der iranischen Verfassung vorgeschrieben, Ajatollah war, sondern nur ein einfacher Mullah. Der Titel Ajatollah wurde ihm erst später verliehen, obwohl er die dafür notwendige langwierige Ausbildung nicht absolviert hatte.
Zum anderen, weil längst ein anderer, Ajatollah Hossein Ali Montazeri, als Khomeini-Nachfolger galt. Doch der war in den Jahren zuvor zu kritisch geworden, sah die Islamische Republik auf einem Irrweg, und wurde daher nicht nur übergangen, sondern regelrecht abgesägt.
Obwohl Khamenei zu den mächtigsten und einflussreichsten Gestalten der jüngeren Weltpolitik zählt, weiß man erstaunlich wenig über ihn. Der in Iran geborene und seit den Sechzigern in Deutschland lebende Journalist Ali Sadrzadeh will das mit seinem Buch „Ali Khamenei. Aufstieg und Herrschaft“ (Kohlhammer Verlag, 2025) ändern.

Er stellt direkt zu Beginn klar: „Dieses Buch ist keine herkömmliche Biografie. Ali Khameneis Lebensgeschichte kann man nicht authentisch und fundiert der Reihe nach nachzeichnen. Er hält zwar Ansprachen, aber über seine Kindheit, seine Eltern und seine Familie spricht er nicht.“
Auch Interviews gibt Khamenei nicht, wenn man einmal von seinem offiziellen Biografen absieht. Und dieses Werk darf man eher als geschönte Erzählung im Sinne Khameneis, denn als faktenorientierte Biografie einordnen.
Wie also schreiben über diesen Mann? Man weiß, dass Khamenei in ärmlichen Verhältnissen in Maschhad unter einem strengen und streng religiösen Vater aufwuchs, dass er nach Nadschaf und Qom ging und eine theologische Ausbildung begann, dass er früh als Prediger und wortgewandter Redner auftrat und sich außerdem für Poesie interessiert (auch wenn kein ernstzunehmender Dichter Irans etwas mit ihm zu tun haben wollte, wie er früh erfahren musste).
Über den Privatmann Ali Khamenei weiß man ansonsten so gut wie nichts. Und das wird wohl auch so bleiben, solange er lebt und solange Vertrauenspersonen und Weggefährten nicht über ihn sprechen, was Khamenei offensichtlich nicht duldet.
Man muss es also anders angehen, und das hat Ali Sadrzadeh getan: Sich dem Politiker und Kleriker Khamenei nähern, dem kühl kalkulierenden Machtmenschen, der anfangs ganz bewusst forciert hat, dass man ihn unterschätzte, ihn nicht ernst nahm, während er bereits das Netz seiner Herrschaft spann.
Wer Khamenei ist, offenbart sich am ehesten in seinem politischen Wirken. Sadrzadeh schreibt: „Der Preis des Unterschätzens war hoch, für seine Rivalen ebenso wie für das Land, die Region, ja für die ganze Welt.“

Neustart in die Vergangenheit
Das Kabinett des neuen iranischen Präsidenten Massud Peseschkian enttäuscht alle, die auf Veränderung gehofft haben: auf weniger Unterdrückung der Frauen und leichteren Internetzugang etwa. Doch in der Islamischen Republik bleibt alles beim Alten, kommentiert der Iran-Experte Ali Sadrzadeh.
So ist dieses Buch nur zum Teil eine Biografie, zum Teil auch eine Geschichte Irans und der Region in den letzten Jahrzehnten, die zeigt, wie Khamenei Einfluss ausgeübt hat. Aber auch ein Buch über den Einfluss, der auf ihn ausgeübt wurde, etwa indem er sich früh von Russland und China abhängig gemacht hat, während er systematisch mit Hilfe seiner Geheimdienste und der Revolutionsgarde die Hisbollah im Libanon stärkte, die Hamas in Gaza und die Huthis im Jemen.
Darüber wie Khamenei gemeinsam mit Russland das Ende des syrischen Diktators Baschar al-Assad hinauszögerte und maßgeblich mit dazu beitrug, dass der Krieg in Syrien kein Ende nahm, weil er es sich weder leisten wollte noch leisten konnte, Assad als Verbündeten und Syrien als Einflusssphäre zu verlieren.
Und es geht um die deutsche Außenpolitik, die hier, wie auch in so vielen anderen Fällen, sich einem Despoten angedient hat, um wirtschaftliche Vorteile zu behalten – was Berlin inzwischen vielleicht oft genug mit Radau auf die Füße gefallen ist, um das Vorgehen zu überdenken.
Was Sadrzadeh auch nachzeichnet, ist die Radikalisierung der schiitischen Ideologie, die Khamenei ungebremst bis heute vorantreibt, und das obwohl für schiitische Geistliche eigentlich der Grundsatz gilt, sich aus weltlicher Politik fernzuhalten. Heißt: Das Buch lässt nachvollziehen, wie ein Politiker mit Turban die Religion für seine Zwecke missbraucht – mit dem Ergebnis, dass die Moscheen in Iran heute so leer sind wie in kaum einem anderen islamisch geprägten Land.

Wie die Machtbasis des Regimes schwindet
Einst waren sie die Wortführer der radikalsten Fraktionen der Macht. Inzwischen kritisieren prominente Stimmen aus dem innersten Machtzirkel Ali Khamenei, den mächtigsten Mann Irans, scharf. An Mahsa Aminis erstem Todestag war ihre Kritik lauter denn je zu vernehmen. Von Ali Sadrzadeh
Auch auf die aktuelle Lage geht das Buch kurz ein. Auf die Frage, ob die israelischen und amerikanischen Angriffe im Sommer 2025, die sowohl das Atomprogramm als auch die Revolutionsgarden schwer getroffen, ja zum Teil „enthauptet“ haben, Khameneis Machtbasis haben bröckeln lassen, schreibt Sadrzadeh: „In mancher Hinsicht waren die Verluste schwerwiegender als jene des achtjährigen Krieges mit dem Irak.“
Fest steht: Khamenei hat einen Großteil seines Einflusses im Ausland verloren. Gegen die iranische Bevölkerung, die schon lange mehrheitlich sein Regime ablehnt, geht er zur Zeit umso brutaler vor. Ob er seine Herrschaft damit noch retten kann, scheint zum jetzigen Zeitpunkt fraglich. Denn der Strippenzieher hat nicht mehr alle Fäden in der Hand. Und manche, die er noch hält, führen inzwischen ins Leere.
„Ali Khamenei. Aufstieg und Herrschaft” (Deutsch)
Ali Sadrzadeh
August 2025
Kohlhammer
263 Seiten
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