Das Stadtbild feiern

Eine Frau in dunkelrotem Kleid und hochgesteckten Haaren steht am DJ Pult. Hinter ihr Leuchtreklame.
DJ Shari Who initiierte gemeinsam mit Breakdnz und Sir Manselot die Event-Reihe „Hayat Sounds“ (Foto: Picture Alliance | Eventpress Radke)

SWANA-Events füllen die Clubs in Hamburg, Berlin und Köln. Selbstbewusst präsentiert sich eine hybride, globale Identität, die Abschieberufen eine eigene Realität entgegensetzt. Die Veranstaltenden wissen um das politische Momentum.

Von Nadine Schnelzer

Die Stimmung kocht im Hamburger Mojo-Club, als DJ Shari Who traditionelle algerische Raï-Musik mit dem typischen Bass des südafrikanischen Amapianos mixt. Sie spielt ein Set, das alle Hayatis, wie sie ihre Gäste nennt, in einen Rausch versetzt. 

Auf der Tanzfläche singen Leute laut Lieder mit, auch wenn sie die arabischen und kurdischen Texte nicht immer verstehen. Viele schwenken Tücher zum Rhythmus. 

Hier verschwimmen nicht nur die Grenzen von Musikgenres. Die Künstler:innen und Gäste feiern die Einflüsse ihrer diversen kulturellen Wurzeln und erschaffen gleichzeitig ein Wir-Gefühl, das keine Nationalitäten kennt.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Hinter der Veranstaltungsreihe steht das Kollektiv „Hayat Sounds“, gegründet von den DJs Shari Who, Breakdnz und Sir Manselot. Bei ihren Club-Events in Hamburg feiern Hunderte zu Remixen aktueller Stars aus Südwestasien und Nordafrika (SWANA) wie dem marokkanisch-belgischen Rapper Dystinct oder den zeitlosen Stimmen der Kassetten und CDs ihrer Jugend wie Amr Diab aus Ägypten. 

Die Gäste feiern neben der Musik vor allem, dass Erinnerungsstücke ihrer kosmopolitischen Lebensgeschichte in deutschen Clubs ihren Platz finden. „Danke, dass du die Kultur musikalisch so wundervoll repräsentiert hast“, ist ein außergewöhnliches Kompliment für einen DJ. Im Januar wurde „Hayat Sounds“ mit dem Hamburger Club Award als Veranstalter des Jahres ausgezeichnet.

Hier feiern sie das „Stadtbild“

Die Party ist kein politisches Event, aber eines, das sich seines politischen Moments bewusst ist. Eröffnet hat Shari Who ihr Set mit einem Remix von Dammi Falastini („Mein Blut ist palästinensisch“) des Arab-Idol-Gewinners Mohammad Assaf. Der Song ist ein fester Bestandteil des Kanons dieser Subkultur, die SWANA als Eigenbezeichnung verwendet. 

Eine Frau trägt die Kufiya als Top, ein anderer Gast hat sie sich über die Schultern gelegt. Auf der Tanzfläche hält jemand ein Schild hoch, auf dem „Music is resistance“ steht. Ein solidarisches migrantisches Selbstbewusstsein prägt die Stimmung.

Später am Abend bringt Gast-DJ Kizzi vom BBC Asian Network die Menge mit dem ikonischen Bollywood-Hit „Dhoom Machale“ in Stimmung. Das Lied wurde nach Zohran Mamdanis Siegesrede gespielt, als er am Abend seiner Wahl zum ersten muslimischen Bürgermeister von New York die Bühne verließ. 

Mamdani, der eine indisch-ugandische Einwanderungsgeschichte hat, betonte in seinem Wahlkampf, die Stadt sei von Immigrant:innen aufgebaut worden und werde nun auch von einem von ihnen regiert. Seine Kampagne und der Wahlsieg machten ihn zur Symbolfigur für ein neues Selbstbewusstsein unter Eingewanderten.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Das ausgelassene Feiern von SWANA-Rhythmen in Deutschland ist auch eine Reaktion auf „Stadtbild“-Aussagen und Abschieberufe in Deutschland. „Hayat Sounds“ haben ein Eventformat entwickelt, in dem sich viele gesehen und repräsentiert fühlen, die von Politik und Medien in der „Migrationsdebatte“ oft den Stempel „Problemfall“ aufgedrückt bekommen. Beim Abend im Mojo-Club trägt ein Mann die Botschaft auf seinem Shirt: „United Colors of Stadtbild“.

Am Eingang gibt es an diesem Abend keinen Stempel. Die Türpolitik zielt auf einen Safer Space für alle. Hier bewegen sich Menschen, die in Deutschland sonst gern als das Zu-viel-an-Ausländern nicht durch die strenge Tür von exklusiven Clubs, der Politik oder von Dax-Vorständen kommen. Hier feiern keine „Menschen mit Migrationshintergrund“, hier tanzen Third Culture Kids zu einem bunten Klangbild: Sie lassen die Zerrissenheit zwischen verschiedenen kulturellen Wurzeln hinter sich, indem sie selbstbewusst eine hybride, globale Identität entwickeln.

Musikkultur ist keine Randnotiz

Der Bundestag legte 2021 fest, dass Clubs rechtlich nicht als Vergnügungsstätten, sondern als Kulturstätten gelten. Den kulturellen Wert von Kollektiven wie „Hayat Sounds“ zeigt unter anderem, dass sie über die Clubszene hinaus geschätzt werden. 

Für die  Ausstellung „Inspiration SWANA“ des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe stellte die Gruppe eine Tracklist aktueller Diaspora-Musik zusammen, die auch auf Spotify abrufbar ist. Die 50 Lieder feiern die Verschmelzung kultureller Tonspuren zu einem Remix globaler Klänge.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Teil der Playlist sind etwa die niederländisch-türkische Band Altın Gün und der Star der palästinensischen Diaspora Saint Levant. Auch die vom Berliner Musicboard geförderte deutsch-iranische Sängerin Madanii ist mit dem Lied „Dast“ vertreten. 

Sie drückt darin den Frust darüber aus, dass die deutsche Dominanzgesellschaft ihr immer wieder einen Nicht-Mitgliedsausweis ausstellt, und gibt eine selbstbewusste Antwort darauf: Wir gehören dazu und wir bleiben. Entstanden ist das Lied nach dem rassistischen Anschlag von Hanau, es hätte aber auch nach der „Stadtbild“-Aussage des Kanzlers im Oktober 2025 geschrieben worden sein können.

Repräsentation ist der gemeinsame Puls

Verschiedene Kollektive und Veranstaltungsreihen, von denen viele ab 2020 gegründet wurden, tragen zur Sicht- und Hörbarkeit zeitgenössischer SWANA-Kultur in Deutschland bei. Das arabische Frauen-Kollektiv SAHRA (dt.: abends ausgehen) wurde von der Berliner Clubcommission ausgezeichnet und war Teil der Berliner Nacht der Clubkultur. 

Bei den Auszeichnungen hervorgehoben wurde, dass die SAHRA-Partys politische Räume gestalten, in denen marginalisierte Gruppen Repräsentation und Zugehörigkeit erfahren. Der musikalische Fokus liegt auf innovativen Genres wie Oriental Techno, Electro Tarab und Post-Shaabi, mit denen SAHRA arabische Traditionen in moderne Clubbeats übersetzt. Zu ihrem Programm gehören darüber hinaus die Veranstaltung „Latin Arab Edition“ und ein Flinta-only-DJ-Workshop.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Auch in anderen Städten funktioniert das Konzept: Das Künstlerkollektiv Diarfest aus Hamburg hat sich die Stadtbild-Aussage angeeignet und lädt regelmäßig zu „Beautiful Stadtbild Partys“ ein. Im Dezember veranstalteten sie ein Konzert des syrischen „Kaisers des Elektro-Dabke“ Omar Suleyman. Mit der Musik und ihren visuellen Installationen sprechen sie das kollektive Gedächtnis der Community an und schaffen neue Erinnerungen.

In Düsseldorf organisierte Diarfest zusammen mit Habibi Act das Levant Fusion Fest mit Musik, Performances und einem Bazar „beyond Shawarma, Falafel and Desert“. Habibi Act wurde von Basel al-Ali gegründet, der sich in Nordrhein-Westfalen einen Namen als syrischer Kulturveranstalter gemacht hat. In seinen Formaten will er Räume gelebter Gemeinschaft schaffen und kulturelle Brücken bauen. 

Zum Veranstaltungsprofil gehören Konzerte, DJ-Sets, die „Arab-Tronica Night“ ebenso wie das Straßenfest „Damascus Day“. Im Dezember fand mit der Podiumsdiskussion „Neue Perspektiven für das neue Syrien“ eine erste politische Veranstaltung statt. Eine weitere zur Rolle der Diaspora für den Wiederaufbau Syriens ist geplant.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Regelmäßig macht auch die Reihe Disco Arabesquo in Köln, Hamburg und Berlin Station. Dahinter steht ein niederländischer DJ mit ägyptischen Wurzeln. Im fast wöchentlichen Turnus zieht er durch europäische Metropolen. Er mischt die Sounds, die vielen der arabischen Community von Hochzeiten oder Kassetten vertraut sind, mit modernen Klängen, während im Hintergrund ein Projektor Bilder alter arabischer Filme an die Wand wirft und sich Dabke-Kreise auf der Tanzfläche bilden.

Die Musikkultur der SWANA-Gemeinschaften belebt die Clubkultur in deutschen Städten neu. Das Wort Hayat bedeutet Leben, Hayati „mein Leben“. Es wanderte vom Arabischen ins Türkische und wurde zum deutschen Jugendwort. „Hayat Sounds“ und andere SWANA-Events sind mehr als Safer Spaces für die Diaspora. Sie öffnen Türen und machen den Puls der postmigrantischen Gesellschaft für die Dominanzkultur spürbar.

 

© Qantara.de