Getrennte Feste

Ein kleiner Junge zeigt den Daumen nach oben, er fährt hinten auf einer roten Tram durch eine belebte Straße.
Die Spaltung in der Türkei ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. (Foto: Picture Alliance / pressefoto_korb | M. Korb)

Die gesellschaftlichen Gräben in der Türkei werden tiefer. Polarisierung und Repression schaffen ein Klima, in dem Normen auch mit Gewalt durchgesetzt werden. In ihrem Buch „Jeder Atemzug ein Fest“ will Ceyda Nurtsch ein anderes Gesicht des Landes zeigen.

Von Filiz Yildirim

Ceyda Nurtschs neue Reportagensammlung „Jeder Atemzug ein Fest“ verspricht Geschichten der Versöhnung. Sie will Menschen porträtieren, die sich der gesellschaftlichen Spaltung der Türkei entgegenstellen, einander zuhören und vermitteln. Nach wenigen Seiten wird jedoch klar: Die Reportagen sind weniger ein Dokument der Verständigung als vielmehr ein Protokoll ihrer Unmöglichkeit.

Die porträtierten Figuren stehen exemplarisch für soziale Milieus und politische Gewissheiten. Die strikte Trennung der Reportagen wird zum Sinnbild der gesellschaftlichen Trennlinien. Was fehlt, ist die Begegnung der Protagonist:innen beziehungsweise ihrer Milieus. Ein durchaus realistischer Ausdruck struktureller Verhältnisse, die nicht nur einzelne Gruppen an den Rand drängen, sondern auch verhindern, dass marginalisierte Perspektiven miteinander in Beziehung treten können.

Besonders sichtbar wird das in der Zusammenschau der Protagonisten Murat, Kasım und Nişan Bey. Sie werden in unterschiedlichen Reportagen portraitiert und gehören religiösen oder ethnischen Minderheiten an – Gruppen, deren Zugehörigkeit in der Türkei nie selbstverständlich war. Alle drei haben im Umgang mit ihrer gesellschaftlich prekären Position unterschiedliche Strategien entwickelt.

Anpassung oder Protest?

Murat heißt eigentlich Moris. Seinen Namen hat er geändert, um weniger aufzufallen: eine Reaktion auf die alltägliche Diskriminierung als Jude. An ihm und seiner Partnerin Ester lässt sich nachvollziehen, wie die bis heute wirksame Prämisse einer kulturell und religiös homogenen Gesellschaft jene Vielfalt unsichtbar macht, die die Türkei historisch und gegenwärtig eigentlich prägt. 

Gleichzeitig wird klar, welche Auswirkungen das auf das Leben von Menschen wie Murat hat: Ester und er fühlen sich nicht als Teil der Gesellschaft anerkannt, sondern eher wie Gäste im eigenen Land. Murat legt während einer Begegnung mit der Autorin Pink Floyds Together we stand, divided we fall auf, die Realität vor Ort wird diesem Anspruch jedoch nicht gerecht. 

Kasım hingegen treibt der Wunsch an, sich Gehör zu verschaffen. Er ist kurdischer Alevit und verkörpert dadurch gleich doppelt die Kategorien der Marginalisierten. Im Unterschied zu Murat benennt Kasım Diskriminierung offen und richtet den Blick nicht nur auf den türkischen Staat, sondern auch auf strukturelle Ungerechtigkeiten innerhalb der eigenen Community. Gerade diese reflektierte Haltung macht ihn besonders verletzlich: Wer sich über gesellschaftliche Trennlinien in der Türkei hinwegbewegt, erlebt ihre Härte umso deutlicher.

Im Gegensatz dazu scheint das Los des armenischen Silberschmieds Nişan Bey ein einfaches zu sein: Anders als Kasım betont er, aufgrund seiner Herkunft nie ausgegrenzt worden zu sein; er sei schließlich Türke. Sein Interesse gelte allein seiner Arbeit. 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich in dieser Haltung auch eine Strategie: Seine absolute Hingabe an sein Handwerk wirkt wie eine Form der Hyperkompensation – ein Versuch, das Armenisch-Sein „wettzumachen“. In einem kurzen Moment der Verletzbarkeit offenbart er sich der Autorin gegenüber doch noch: Auch er habe Ausgrenzung erfahren. 

Anpassung und Selbstbehauptung greifen hier ineinander. Nişan Beys Fall zeigt stille Überlebensstrategien. Er möchte für das anerkannt werden, was er leistet: seine filigrane Silberarbeit. Sein Porträt zeigt aber, dass selbst weitreichende Anpassung und die betonte Selbstverortung als Türke ihm als Armenier und Mitglied einer religiösen Minderheit keine Gleichberechtigung garantieren.

Jede Gruppe hat ihr eigenes Weltbild

Eine andere Seite des gesellschaftlichen Spektrums zeigt Nurtsch in der Gegenüberstellung ihrer weiblichen Protagonistinnen. Nedo und Saadet illustrieren, welche Gruppen in der Türkei gesellschaftliche Macht und kulturelle Hegemonie innehaben beziehungsweise hatten: laizistisch-kemalistische und islamisch-nationalistische Eliten. Ihre Geschichten rücken jene dominanten Mehrheitserzählungen ins Rampenlicht, die Minderheiten an den Rand drängen. 

Nedo sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der die kemalistische Elite unter sich war, an Küstenorten am Marmarameer, in denen religiöse Symbole, insbesondere das Kopftuch, aus dem öffentlichen Raum verbannt blieben. Die 1970er Jahre erscheinen in ihrer Erzählung als goldene Zeit: als Epoche der kulturellen Selbstgewissheit. 

Die nostalgische Rückschau legt jedoch ungewollt offen, dass diese Ordnung exklusiv war: Während Nedo Sicherheit und Zugehörigkeit genoss, waren die 1970er Jahre für Menschen wie Kasım Jahre politischer Gewalt und existenzieller Angst. 

Buchcover der „Jeder Atemzug ein Fest“. (Westend Verlag.de)
(Buchcover: Westend Verlag)

Eine ähnliche Verdrängung leistet Saadet, sie ist überzeugte AKP-Anhängerin. Ihr geschlossenes Weltbild bleibt selbst durch aktuelle Krisen unerschüttert. Gesellschaftliche Konflikte erscheinen ihr als von außen aufgedrängt, immer wieder verweist sie auf ausländische Mächte, Provokateure oder Instrumentalisierung. 

Saadet bewegt sich in einem Raum relativer Sicherheit. Sie repräsentiert jenes dominante politische Selbstverständnis, das Verantwortung von sich weist und lieber die eigene bequeme Position bewahrt.

Keine Versöhnung in Sicht

Den Reportagen ist ein historischer Überblick vorangestellt, ein klug gewählter Einstieg. In komprimierter Form werden zentrale politische und gesellschaftliche Wegmarken der türkischen Geschichte skizziert. Die Einführung richtet sich an Leser:innen ohne tiefe Vorkenntnisse und etabliert zugleich ein Koordinatensystem, auf das die Autorin in den Reportagen immer wieder zurückgreifen kann. Die so etablierte Struktur erleichtert das Verständnis und sorgt dafür, dass das Buch über lose Momentaufnahmen hinausgeht.

Dabei unterlaufen jedoch einige Ungenauigkeiten: So wird beispielsweise der Wahlsieg von Erdoğan auf den 3. November 2022 datiert statt korrekt auf 2002. Das Erdbeben in Hatay wird auf 2022 datiert, obwohl es 2023 stattfand, und der Beginn des Völkermords an den Armenier:innen wird auf den 24. April 1919 datiert statt auf 1915. Diese Fehler mindern die historische Genauigkeit und stehen der intendierten Einordnung der individuellen Reportagen im Weg.  

In seiner Gesamtheit gelingt es der Autorin in „Jeder Atemzug ein Fest“ jedoch, deutlich zu machen, woher die Unüberbrückbarkeit gesellschaftlicher Gräben in der Türkei rührt: aus der Uneinsichtigkeit dominierender Gruppen, denen es historisch stets möglich war, die Leidtragenden der eigenen Ordnung auszublenden. 

Die Reportagen zeigen, dass sich an dieser Situation in absehbarer Zeit nichts ändern wird, und in dieser unbeabsichtigten Ehrlichkeit liegt die Stärke von „Jeder Atemzug ein Fest“. Es ist kein Buch über zukünftige Versöhnung, sondern ein präzises, zum Nachdenken anregendes Stimmungsbild der Türkei.

 

„Jeder Atemzug ein Fest – Reportagen aus der Türkei“  
Ceyda Nurtsch 
Westendverlag 
Februar 2026 

 

© Qantara.de