Die ausgezeichnete Nische
„Literatur steht für Vielfalt und Differenzierung, und das ist in diesen Zeiten wichtiger denn je“, sagt Madjid Mohit, der in den Neunzigern aus Iran nach Deutschland flüchtete. Er stammt aus einer Verlegerfamilie und knüpfte in Bremen an das Erbe an. Seit 1998 betreibt er dort den Sujet-Verlag und publiziert seitdem Hunderte Bücher, sowohl Belletristik als auch Sachbücher.
Den Kern des Verlages bilden Übersetzungen aus dem Persischen, aber auch Werke von hier lebenden iranischen Autor:innen. Hinzu kamen Bücher von kurdischen, arabischen, französischen und deutschen Schriftsteller:innen. Neben mehreren Anthologien von moderner iranischer Lyrik erscheinen bei Sujet namhafte Autoren wie Abbas Maroufi, Zia Qassemi, Doğan Akhanlı und moderne Klassiker wie Forough Farrokhsad.
„Leider“, erzählt Mohit, „wird Literatur aus vielen Ländern kaum ins Deutsche übersetzt, dabei kann Literatur helfen, sich ein besseres Bild zu machen. Was man aus den Tagesnachrichten erfährt, ist meist oberflächlich und bewegt sich in engen thematischen Grenzen. Mit dem Leben und Erleben der Bevölkerung hat das oft wenig zu tun. Umso wichtiger ist es, die Innenperspektive zu zeigen, und Literatur ist dafür das beste Mittel.“
Das erste aus dem Kurmanci übersetzte Buch auf Deutsch
Ähnlich sieht das Mario Pschera, der den Dağyeli-Verlag in Berlin leitet. 1981 gegründet, war der Verlag ursprünglich auf türkische Literatur spezialisiert. Inzwischen hat er sein Programm deutlich erweitert.
„Wir wollen eine Kulturlandschaft von der Ägäis bis zur afghanischen Grenze sichtbar machen, die sonst immer aufgesplittet betrachtet wird“, erklärt Pschera, „wir wollen durch Migrationsbewegungen und kulturellen Transfer entstandene Verbindungslinien aufzeigen und gemeinsame Geschichte im menschlichen und kulturellen Austausch darstellen.“
Die Gesamtschau der veröffentlichten Bücher widerlege nationalistische Narrative in der Türkei, im Kaukasus oder in Zentralasien, so Pschera. Darüber hinaus bieten die Bücher des Verlags die Möglichkeit, Stereotype über die sogenannte islamische Welt aufzubrechen, die schließlich auch von anderen religiösen oder säkularen Strömungen und Geisteshaltungen geprägt ist.
Das zerfallende Ich
Istanbul wird gentrifiziert und ein Buchautor von Schlaflosigkeit und Alpträumen geplagt: Hakan Bıçakcıs Roman "Schlaftrunken“ lässt die Metropole am Bosporus lebendig werden.
Bei Dağyeli erscheint nicht nur das Werk des großen türkischen Poeten Nazim Hikmet, sondern auch junge türkische Gegenwartsprosa. Unter anderem die Bücher von Hakan Bıçakcı, der in einem wilden Spiel mit den Genres ein ganz neues Bild von Istanbul zeichnet.
Besonders hebt Pschera den 2025 erschienenen zweisprachigen Lyrikband „Dunkles Siegel“ der kurdischen Dichterin Yıldız Çakar hervor. „Meines Wissens ist es das erste aus dem Kurmanci übersetzte Buch im deutschen Sprachraum“, ergänzt Pschera und verweist auf Çakars enorme literarische Wucht, Tiefe und Formensprache.
„Mir persönlich liegt außerdem der Band ‚Georgien gehört dir, nur dir!‘ von Besik Kharanauli besonders am Herzen, dem großen alten Mann der georgischen Literatur. Das sind Verse zur Lage der Nation, die auf Demos skandiert wurden, ein Kommentar zur gegenwärtigen Lage dort, wo Menschen, die sich für Demokratie einsetzen, auf erbitterten Widerstand stoßen.“
Mehr als „Befindlichkeitsliteratur“
„Autor:innen aus der Region haben etwas zu sagen, das ist nicht so eine Befindlichkeitsliteratur, wie es sie bei uns oft gibt“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Donata Kinzelbach. Sie führt seit 1987 in Mainz ihren vor allem auf die Literaturen des Maghreb spezialisierten Verlag. Von Rachid Boudjedra beispielsweise hat sie fünfzehn Titel verlegt, ein algerischer Autor, der ihr sehr wichtig ist.
„Ebenfalls aus Algerien“, sagt Kinzelbach, „sind die Autorinnen Maissa Bey und Nassira Belloula, sie schreiben hervorragende, emanzipatorische Bücher. In Belloulas Roman ‚Marias Zitronenbaum‘ geht es beispielsweise um eine Mutter, die nach dreißig Jahren ihren Mann verlässt. Alle sind überrascht, auch ihre Kinder. Es stellt sich heraus, dass nie jemand die Mutter nach ihren Bedürfnissen gefragt hat.“
Neben dem Maghreb hat der Kinzelbach-Verlag unter anderem auch Bücher aus Palästina, Ägypten und dem Oman im Programm. „Ich blicke gerne über den Tellerrand. Es bringt einen immer weiter und es ist bereichernd, Neues kennenzulernen“, resümiert Kinzelbach gegenüber Qantara.
"Maghrebiner sind immer im Exil"
Seit fast zwanzig Jahren publiziert Donata Kinzelbach Literatur maghrebinischer Autorinnen und Autoren.
2024 erhielten sowohl der Kinzelbach- als auch der Sujet- und der Dağyeli-Verlag im Rahmen der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Verlagspreis für ihre beharrliche Mühe, den Blick über den eurozentrischen Kanon hinaus zu erweitern.
Die Regionalliteratur wird teilweise in Deutschland geschrieben
Dank ihrer über Jahrzehnte aufgebauten Expertise und guten Vernetzung in der Region finden diese Verlage und weitere wie die Edition Orient oder Schiler & Mücke, ebenfalls Gewinner des Deutschen Verlagspreises 2024, beständig neue Bücher.
Inzwischen leben viele Schrifsteller:innen aus der Region aufgrund von Migration und Flucht in Europa und auch in Deutschland, was den Zugang zu ihren Werken für die Verlage erleichtert. Zum Beispiel die iranische Bestsellerautorin Fariba Vafi, von der bislang fünf Bücher auf Deutsch vorliegen, drei davon im Sujet-Verlag. Oder die türkische Schriftstellerin Kuzey Topuz, deren faszinierendes experimentelles Prosadebüt „Der Freund“ im Dağyeli-Verlag erschienen ist.
Still leidende Frauen
Fariba Vafi zählt zu den beliebtesten zeitgenössischen Romanautorinnen im Iran. In ihrer unverwechselbar luziden, fast schlichten Schreibweise behandelt sie in ihrem neuen Roman einmal mehr die Frage nach der weiblichen Identität und der Rolle der Frau in der sich wandelnden iranischen Gesellschaft. Von Volker Kaminski
Leicht ist es für geflüchtete Literat:innen nicht, im Exil Fuß zu fassen. Seit 2017 erhalten viele von ihnen Unterstützung durch das von der Autorin Annika Reich ins Leben gerufene Programm „Weiter Schreiben“ mit Sitz in Berlin. „Anfangs“, erzählt sie, „habe ich mit Geflüchteten aus Syrien gesprochen, sie gefragt, was sie wirklich brauchen, und alle sagten, dass sie einfach weiter schreiben wollen. Aber dafür benötigt man Übersetzer:innen, Agent:innen, Verlage und Kontakte, um in der hiesigen Literaturszene anzukommen. Und dafür braucht es Vertrauen.“
Aus dieser Erkenntnis entstand das Tandem-Prinzip: Das Team von „Weiter Schreiben“ stellt die Verbindung zwischen beispielsweise einer syrischen und einer deutschen Autorin her, die einander kennenlernen und dann gemeinsam Texte schreiben oder bei Lesungen auftreten.
Für das hiesige Publikum entsteht ein vereinfachter Zugang, wenn bereits etablierte Autor:innen ihre in Deutschland noch weniger bekannten Kolleg:innen aus Syrien, Iran, Afghanistan oder anderen Ländern vorstellen, mit ihnen publizieren und auftreten.
Aus dem Projekt sind inzwischen 32 auf Deutsch publizierte Bücher entstanden. Ende Mai erscheint die von Annika Reich und Mirjam Wittig edierte Briefsammlung „Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause“ im Ullstein Verlag.
„Das ‚weiter‘ hat für mich zum einen eine zeitliche Bedeutung“, erklärt Annika Reich, „also, dass Autorinnen und Autoren ihre Arbeit fortsetzen können. Zum anderen steht es für eine räumliche Erweiterung des Diskurses und der Literaturszene hier in Deutschland.“
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