Das Paradox der Colette Khoury
Es war der Roman, der Colette Khoury in arabischen Literaturkreisen bekannt machen sollte: Als „Tage mit ihm“ (أيام معه) Ende der 1950er Jahre in Damaskus erschien, löste das Buch eine Kontroverse aus. Es schilderte die Beziehung zwischen einer Frau und einem Dichter, stellte sie jedoch weniger als Liebesgeschichte dar, sondern vielmehr als psychologischen Kampf – als Versuch einer Frau, Dinge wie Verlangen, Identität und die schwer fassbare Bedeutung von Freiheit zu verstehen.
Die arabische Belletristik hatte selten eine solche weibliche Protagonistin hervorgebracht: weder Opfer noch Heldin, sondern vielmehr eine Bewusstseinssuche durch ungelöste innere Konflikte. Es wurde gemunkelt, dass der grüblerische männliche Protagonist des Romans, Ziad, einer realen Person nachempfunden sei, genauer gesagt, auf Khourys Beziehung zu Nizar Qabbani basiere – dem in Damaskus geborenen Dichter, der Themen wie Liebe und Begierde verhandelte und zu einem der berühmtesten Autoren der arabischen Welt werden sollte.
Viele Jahre lang wollte Khoury diese Spekulationen weder bestätigen noch dementieren, und als sie sich schließlich äußerte, tat sie dies mit der Präzision einer Romanautorin: „Ich lebte eine Liebesgeschichte mit Nizar, ein Heiratsvorhaben, das wir zwei Jahre vor dem Schreiben dieses Romans geplant hatten. Und diese Geschichte ist inzwischen zu Ende gegangen.“ Über Ziad sagte sie: „Die Figur ist eine Zusammensetzung aus vielen Personen… eine Mischung aus Männern: Nizar, meinem Mann, und anderen – insgesamt etwa vier Männer.“
Es war eine für sie typische, kluge Antwort, die gerade genug Informationen lieferte, um die Neugier zu stillen, und gleichzeitig zu Recht betonte, dass Belletristik kein genaues Abbild liefert. „Tage mit ihm“ war kein Schlüsselroman, sondern ein Akt der Verwandlung, bei dem sie ihre persönlichen Erfahrungen zu etwas Bedeutungsvollem formte. Dieser Unterschied war Khoury wichtig und ist entscheidend für jede aufrichtige Lektüre ihres Werks.
Colette Khoury – Schriftstellerin mit Gewicht
Khoury, die am 10. April im Alter von 95 Jahren verstorben ist, wurde 1931 in eine der prominentesten Damaszener Familien hineingeboren. Ihr Großvater, Faris al-Khoury, war eine herausragende Persönlichkeit der syrischen Politikgeschichte und ehemaliger Ministerpräsident, ihr Vater war Jurist und Minister, und ihr Onkel mütterlicherseits Journalist und Literat. Als Kind lernte sie neben Arabisch auch Französisch und Englisch; 1957 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband, „Zwanzig Jahre“ (عشرون عامًا), auf Französisch.
Doch es war die arabische Belletristik, in der sich Khoury als bedeutsame Stimme herauskristallisieren sollte. „Tage mit ihm“ etablierte sie als Schriftstellerin mit Gewicht, und die zentralen Themen des Romans – Freiheit, Selbstverwirklichung und der emotionale Preis, den eine Frau zahlen muss in einer Gesellschaft, die Frauen als schmückendes, gefügiges Beiwerk sieht – ziehen sich durch einen Großteil ihres späteren Werks.
„Eine Nacht“ (ليلة واحدة), das 1961 erschien, spielt an nur einem Abend und schildert die Ehe als eine kalte und gefühlsverirrte Verbindung, als einen Raum, aus dem echte Gefühle längst gewichen sind. Rasha, eine verheiratete Frau, die in eine außereheliche Affäre verstrickt ist, fragt ihren Mann Salim, der sie seit langem wie einen Gegenstand behandelt: „Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass diese Frau, die du dir als Ergänzung zu deiner Wohnungseinrichtung angeschafft hast, ein Mensch ist?“
In „Kayan“ (كيان ;1968) – ein Titel, der frei übersetzt so viel wie „individuelle Existenz“ oder „Sein“ bedeutet – wagte sich Khoury später auf philosophisches Terrain vor. Am Beispiel einer Liebesbeziehung hinterfragt der Roman, was es für eine Frau überhaupt bedeutet, ein Selbst zu besitzen – eine Existenz, die wirklich und unverfälscht ihre eigene ist und nicht nur eine soziale Rolle oder eine Funktion innerhalb einer Familie.
Was die Geschichte lehrt
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Neben den Romanen verfasste Khoury auch Kurzgeschichten, und es gab – letztlich erfolglose – Versuche, ihre Werke für das Kino zu adaptieren. Einige Gedichte und Essays wurden in Übersetzung veröffentlicht. Doch die Romane waren ihr wichtigstes Werk, ihre Botschaft war konsequent und unmissverständlich: Frauen besitzen eine innere Realität, die die Gesellschaft entschlossen ist zu ignorieren.
Wie Rim, die Erzählerin von „Tage mit ihm“, über die Ehe sagt: „Nein! Ich wurde nicht geboren, nur um kochen zu lernen und dann zu heiraten, Kinder zu gebären und zu sterben! Wenn das in meinem Land die Regel ist, werde ich die Ausnahme sein. Ich will nicht heiraten!“
Khoury brachte diese Überzeugung am deutlichsten in einem Interview zum Ausdruck, das 1972 in al-Ma’rifa, der Zeitschrift des syrischen Kulturministeriums, veröffentlicht wurde. Es ist ein Interview, das im Rückblick sowohl als Manifest als auch als unbeabsichtigte Grabinschrift gelesen werden kann für jene Schriftstellerin, die Colette Khoury hätte bleiben können.
„Seit meinem allerersten Buch“, sagte sie, „setze ich mich für die wirtschaftliche Emanzipation der Frauen ein, was eine Voraussetzung für ihre moralische und geistige Befreiung ist. Ich wünsche mir, dass Frauen arbeiten und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Sobald das erreicht ist, rückt ihre moralische Befreiung als Ziel in greifbare Nähe.“
Sie fuhr fort: „Das Thema ist längst nicht mehr nur eine ‚Frauenfrage‘. Das Problem ist viel größer; es handelt sich um eine grundlegende Krise, die das Wesen des arabischen Menschen selbst betrifft – sowohl in der Heimat als auch darüber hinaus.“
Das waren Worte von moralischer Ernsthaftigkeit. Wie sich herausstellte, waren sie zugleich der Höhepunkt ihrer öffentlichen Unabhängigkeit.
Anpassung an das Assad-Regime
Doch Syrien unter der Baath-Partei war kein Staat, der Unabhängigkeit belohnte. Der Staat, in dem Khoury ab den 1960er Jahren lebte, war geprägt von einer nationalistischen und sozialistischen Ideologie, die in erster Linie dazu diente, den Machtanspruch der Partei zu sichern, und nach 1970 dazu, Hafez al-Assads Machtanspruch über die Partei zu sichern. Liberale Schriftsteller:inen standen vor einer Wahl, die nie völlig offen ausgesprochen wurde: Anpassung oder Ausgrenzung. Khoury passte sich an, zunächst schrittweise, dann vollständig.
Sie schrieb regelmäßig Beiträge für die offizielle Presse und war als Beraterin für Mustafa Tlass tätig, Assads langjährigen Verteidigungsminister, der zugleich ein Mann mit echtem kulturellem Interesse und eine Stütze eines außerordentlich brutalen Regimes war.
Khoury wurde für zwei Amtszeiten in die Volksversammlung gewählt, deren Wahlergebnisse im baathistischen Syrien in der Regel den Bedürfnissen der Partei entsprachen. Zugleich veröffentlichte sie weiter sowohl Belletristik als auch autobiografische Texte.
2006 ernannte Präsident Baschar al-Assad, der sechs Jahre zuvor das Amt von seinem Vater übernommen hatte und gerade dabei war, sich als würdiger Erbe von dessen Herrschaftsmethoden zu erweisen, Khoury zu seiner persönlichen literarischen Beraterin.
Als 2011 die syrische Revolution ausbrach, reagierte die Assad-Regierung mit einer Gewaltkampagne, die Hunderttausende das Leben kosten und Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben sollte. Khoury äußerte sich nicht. Sie unterzeichnete keinen Brief. Sie zeigte in der Öffentlichkeit keinerlei Anzeichen von Distanzierung oder Widerspruch. Im Jahr 2024, wenige Wochen bevor das Regime unter dem Ansturm der Rebellen zusammenbrach, verlieh ihr das Kulturministerium noch den „Preis staatlicher Anerkennung”.
Der Widerspruch zwischen der Schriftstellerin, die sich so eloquent für die Befreiung – der Frauen, der arabischen Menschlichkeit und des individuellen Selbst – eingesetzt hatte, und der Person des öffentlichen Lebens, die ihre letzten Jahrzehnte damit verbrachte, einen der repressivsten Staaten der arabischen Welt zu verherrlichen, ist nicht leicht aufzulösen.
Khourys Vermächtnis besteht aus zwei unvereinbaren Teilen. Da ist die Romanautorin der 1950er, 60er und 70er Jahre, die die arabische Literatur um eine fehlende Darstellung weiblicher Innerlichkeit bereicherte. Die begriff, dass die Befreiung der Frauen und die Befreiung des arabischen Selbst letztlich ein und dasselbe Projekt waren. Und da die öffentliche Person, die ihren Namen und ihren Ruf einem Staat zur Verfügung stellte, der jene Freiheiten unterdrückte, für die sich ihre Literatur eingesetzt hatte.
Beide Aspekte gehören zur Wahrheit; keiner hebt den anderen auf.
Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals mithilfe von Übersetzungsprogrammen von Leon Holly.
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