„Theater sollte die Vielfalt der Syrer repräsentieren“

Ein Mann mit langem Haar, rotem Schal und Augenklappe steht vor einer Backsteinmauer.
„Obwohl ich Syrien physisch verlassen habe, trage ich es als Erinnerung in mir“, sagt Anis Hamdoun. (Foto: Privat)

Anis Hamdoun stammt aus einer berühmten Theaterfamilie aus Syrien. Nach seiner Flucht machte er in Deutschland Karriere. Im Interview spricht er über das Leben zwischen zwei Kulturwelten und über seine Vision für Theater im künftigen Syrien.

Interview von Badr al-Aqabani

Ihre Familie ist dem syrischen Theater tief verbunden. Wie hat das Ihre künstlerische Identität geprägt? Und wie haben sich diese Einflüsse auf die Theaterszene in Deutschland ausgewirkt?

Ich habe schon immer Theaterluft geatmet, ich wurde buchstäblich hineingeboren. Meine Mutter (die Schauspielerin Suad Bulbul) nahm an Proben teil, als sie noch mit mir schwanger war. Mein Großvater, Farhan Bulbul, war eine der führenden Persönlichkeiten des syrischen Theaters, und mein Onkel, Nawar, war Schauspieler. 

Meine frühesten Erinnerungen sind erfüllt vom Geruch der Bühne. Ich las Theaterstücke, bevor ich jemals Schulbücher in der Hand hatte. 

Mein Großvater war mein erster Lehrer. Er gab mir nie formellen Unterricht, sondern führte mich in die Welt des Theaters ein. Er lehrte mich, dass Theater ein Gemeinschaftsprojekt ist, bei dem jedes Element seinen Platz hat. Er brachte mir den richtigen Ausdruck bei – wie Worte den Schauspieler:innen natürlich über die Lippen gehen und wie sie bis in die letzte Reihe wirken. 

Ich sah ihm beim Bühnenbildbau zu, wie er die Beleuchtung und die Tonanlage einstellte. Er lehrte mich, wie man ein Drehbuch inszeniert, mit Schauspieler:innen arbeitet und eine Produktion von der ersten Idee bis zur Premiere begleitet.

Ich lernte, dass Kunst nicht nur Inspiration, sondern auch Disziplin, harte Arbeit und Geduld erfordert. Das Theater ist ein lebendiger Organismus, der ständige Pflege verlangt.

Anis Hamdoun, German-Syrian theatre and film director. (Photo: Private)
Regisseur und Dramatiker

Anis Hamdoun ist Theaterregisseur und Dramatiker. Er wurde 1985 in Homs, Syrien, geboren und verließ das Land 2012, nachdem er bei einem Bombenangriff eine Verletzung am Auge erlitten hatte. In Deutschland ist er seit 2014 im Theater- und Filmbereich tätig. 2018 wurde er zu einer der einflussreichsten Kulturpersönlichkeiten Niedersachsens ernannt. 2026 stellte er seinen neuesten Film „Hafif“ fertig.

Das war es, was ich als Flüchtling mit nach Deutschland nahm. Ich wusste, wie man eine Theaterproduktion von Grund auf aufbaut. Niemand kannte Farhan Bulbul oder verstand die Bedeutung meiner Familie für das Theater in Homs. Es war befreiend, weil ich nicht länger über meinen Familiennamen definiert wurde, und gleichzeitig einsam, weil es niemanden gab, der mich anleiten oder beschützen konnte.

Was waren die größten Herausforderungen beim Wechsel von der syrischen Theaterszene in die deutsche? 

Die erste Herausforderung war die Sprache. Ich kam ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland und fühlte mich, als hätte ich meine Stimme verloren. Doch bald entdeckte ich, dass die Sprache des Körpers universell ist. Ich schloss mich einer englischsprachigen Theatergruppe an und nach meiner ersten Vorstellung war ich von der Reaktion des Publikums überrascht. Diese Erfahrung lehrte mich, dass Emotionen über Sprache hinaus wirken können. 

Die zweite Herausforderung war, mich an eine andere Theaterkultur anzupassen. Das deutsche Theater folgt Traditionen, die im Allgemeinen strukturierter und weniger spontan sind als die, die ich gewohnt war. Anfangs fühlte ich mich eingeengt, doch allmählich lernte ich die Stärken dieses Systems zu schätzen. Es lehrte mich Präzision, Organisation und langfristige Planung. Gleichzeitig konnte ich einen Teil der Spontaneität und Flexibilität einbringen, die ich vom syrischen Theater mitgebracht hatte. 

Die größte Herausforderung war jedoch ein subtiler Rassismus, der in vorgefassten Meinungen daherkommt. Wenn ich mich als syrischer Regisseur vorstellte, nahmen die Leute oft an, meine Arbeit drehe sich um Krieg, Vertreibung oder Leid. Sie erwarteten von mir, die Rolle des Opfers einzunehmen. Das lehnte ich ab. Ich wollte, dass das Publikum mich in erster Linie als Künstler wahrnimmt, nicht einfach als Flüchtling. 

Ihr Theaterstück „The Trip“ (2020) verknüpft autobiografische und kollektive Erfahrungen. Wie ist es Ihnen gelungen, eine zutiefst persönliche Geschichte künstlerisch umzusetzen, ohne sie zu einer direkten politischen Aussage zu machen? 

Als ich mit dem Schreiben von „The Trip“ begann, wollte ich keine Geschichte des syrischen Leids erzählen. Ich wollte die Geschichte meiner Freund:innen erzählen und die der Stadt, die ich liebe. Ich wollte Homs auf der Bühne wiederaufleben lassen. Nicht die in Trümmern liegende Stadt, sondern die, die wir in unseren Erinnerungen bewahrt haben. 

Ich habe mich für eine fragmentarische Struktur entschieden. Die Erzählung entfaltet sich in einzelnen Erinnerungen, die wie Fotografien in einem alten Familienalbum auftauchen: eine Szene in einem Café, eine andere an einer Universität, eine weitere auf der Straße. Dann bricht plötzlich der Krieg aus und unterbricht diese Erinnerungen, ohne sie jedoch auszulöschen. 

Auch die Abstraktion spielte eine wichtige Rolle. Anstatt den Figuren individuelle Namen zu geben, identifizierte ich sie anhand ihrer Rollen – „der Student“, „der Freund“, „die Mutter“. Dadurch wird meine persönliche Geschichte zu einer geteilten. Das syrische Publikum kann sich darin wiedererkennen.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit der syrisch-deutschen Identität um? 

Ich sehe meine Identität nicht als gespalten, sondern als integriert. Obwohl ich Syrien physisch verlassen habe, trage ich es in meinen Erinnerungen, meinem Akzent und meiner Denkweise weiter bei mir. Deutschland bietet mir den Rahmen, in dem ich heute arbeite: die Sprache, das Publikum und die Institutionen. 

Ich versuche, den syrischen Geist mit der deutschen Theaterform zu verbinden. „The Trip“ ist in seiner Emotionalität tief syrisch geprägt: in seiner Nostalgie, seinem schwarzen Humor und seinen intensiven menschlichen Beziehungen. Gleichzeitig spiegelt die Struktur des Stücks das deutsche Theater wider, mit seiner systematischen Regie, der Liebe zum Detail und der zeitgenössischen Bühnentechnik. 

Wie kann Kunst als Mittel im Kampf gegen Diskriminierung dienen? 

Rassismus in Europa ist nicht immer offenkundig. Häufiger äußert er sich in Form von Annahmen und Stereotypen, die Araber:innen auf Flüchtlinge oder Terrorist:innen reduzieren. 

Ich habe diese Annahmen auf verschiedene Weise in Frage gestellt. Erstens habe ich mich geweigert, stereotype Rollen anzunehmen. Selbst wenn ich auf das Einkommen angewiesen war, lehnte ich Rollen ab, die den Araber als Terroristen oder Straßenhändler darstellten. Sonst hätte ich die Stereotype nur verstärkt. 

Zweitens entwickelte ich künstlerische Projekte, die diese Narrative hinterfragen. Meine Produktion „Die unbekannte Stadt“ beispielsweise untersucht das Leben von Immigrant:innen unterschiedlicher Herkunft in Berlin und präsentiert sie als gewöhnliche Menschen mit Hoffnungen und Ängsten statt durch Stereotype. 

Drittens gehe ich in meiner Lehrtätigkeit auf diese Probleme ein. In meinen Workshops ermutige ich Studierende mit Migrationshintergrund, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und sich von den gesellschaftlich erwarteten Geschichten zu lösen. 

Wie steht es aktuell um das Theater und Kino in Syrien? Welche Herausforderungen gibt es?

Die Realität ist komplex. Auf der einen Seite gibt es eine neue künstlerische Energie, junge Leute inszenieren in Damaskus und Aleppo Stücke, trotz der widrigen Umstände. 

Die größte Herausforderung ist die Infrastruktur. Viele Theater wurden zerstört, technische Ausrüstung ist Mangelware und die Finanzierung nahezu nicht vorhanden. Künstler:innen haben oft nicht mehr als ihre eigene Entschlossenheit und das reicht selten aus. 

Die zweite Herausforderung ist die Zensur. Obwohl sich die politische Landschaft verändert hat, prägt die Kultur der Zensur weiter den künstlerischen Ausdruck. Viele Kunstschaffende zensieren sich nach wie vor selbst, was die Kreativität einschränkt. 

Die dritte Herausforderung ist die soziale Spaltung. Theater zu schaffen, das nach Jahren des Krieges Syrer:innen unterschiedlicher Herkunft anspricht, erfordert außergewöhnlichen Mut und Feingefühl. 

Es bieten sich aber auch bedeutende Chancen. Eine davon ist das Heranwachsen einer jüngeren Generation, die das alte Regime nicht in derselben Weise erlebt hat und im künstlerischen Ausdruck kühner ist. Eine weitere Chance bietet die syrische Diaspora. Kunstschaffende, die in Europa und Nordamerika arbeiten, haben wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie mit Kolleg:innen in Syrien teilen können.

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Ihr Film „Tschechow“ (2023) nähert sich dem Thema Folter auf surreale und unkonventionelle Weise. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt? 

Weil der Realismus an seine Grenzen gestoßen ist. Nach Jahren des Konsums grauenhafter Bilder im Fernsehen ist das Publikum abgestumpft. Wenn derselbe visuelle Schock immer wiederholt wird, verliert er seine Wirkung. Ich wollte eine andere künstlerische Sprache finden, die diesen Kreislauf durchbrechen kann. 

„Tschechow“ ist kein Film über die Folter selbst, sondern über die Erinnerung an sie. Darüber, dass der Körper die Erinnerung an den Schmerz noch lange nach der unmittelbaren Gewalt in sich trägt. Deshalb habe ich mich dem Surrealismus zugewandt – Träumen, Albträumen und fragmentierten Bildern, die die Realität verzerren und dennoch emotional nachvollziehbar bleiben. 

Welche Rolle spielt Kunst in geflüchteten und Diaspora-Gemeinschaften? 

Nach innen, in die Gemeinschaft, kann sie therapeutisch wirken. Viele Geflüchtete tragen tiefgreifende Traumata in sich, und der künstlerische Ausdruck bietet ihnen die Möglichkeit, Erfahrungen zu vermitteln, die Worte allein nicht ausdrücken können. In meinen Workshops habe ich erlebt, wie Theater den Teilnehmenden geholfen hat, ein Gefühl der Würde zurückzugewinnen. Auf der Bühne werden sie zu Autor:innen ihrer eigenen Geschichten, hören auf, Opfer zu sein. 

Nach außen hin fungiert Kunst als Brücke zwischen Geflüchteten und der Gesellschaft im Allgemeinen. Sie ermöglicht es dem Publikum, die Erfahrungen der Geflüchteten nicht anhand von Statistiken oder Schlagzeilen, sondern anhand menschlicher Geschichten zu verstehen. Wenn ein deutsches Publikum ein Theaterstück über einen syrischen Flüchtling sieht, begegnet es einem Individuum und nicht nur einer Zahl.

Was ist Ihr größter künstlerischer Traum?

Mein Traum ist es, zur Entstehung einer neuen, freien und unabhängigen syrischen Theaterszene beizutragen. Ich hoffe, dass in Syrien ein Kunstzentrum gegründet wird, das Künstler:innen aus dem ganzen Land und der Diaspora zusammenbringt. Ein Ort der Ausbildung, der Kreativität, des Dialogs und des Experimentierens. 

Ich träume von einer Theaterszene, die alle Syrer:innen in ihrer Vielfalt repräsentiert. Ein Theater, das keine Angst davor hat, sich mit schwierigen Fragen über Krieg, Verantwortung und Versöhnung auseinanderzusetzen. 

Vor allem möchte ich den jungen Syrer:innen sagen, dass ihre Geschichte nicht mit dem Krieg begann. Sie erben eine reiche künstlerische Tradition, von Farhan Bulbul bis Saadallah Wannous. Sie sollten von diesem Erbe lernen, ohne sich davon einengen zu lassen. Sie müssen darauf aufbauen und eine eigene künstlerische Sprache entwickeln.

 

Dieses Interview wurde erstmals am 16. Juli 2026 von Al-Thawra veröffentlicht. Der vorliegende Text ist eine bearbeitete und gekürzte Übersetzung des arabischen Originals. Übertragen aus dem Englischen von Clara Taxis mithilfe von KI-gestützten Übersetzungstools.

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