Wie Großfamilien das Machtvakuum füllen

Eine Gruppe von Männern sitzt an einem Tisch, ein anderer scheint eine Rede zu halten. (Foto: Mohamed Solaimane)
Treffen der Nationalen Versammlung palästinensischer Stämme, Clans und Familien von Khan Yunis im Gazastreifen, 16. Mai 2026. (Foto: Mohamed Solaimane)

In Gaza herrscht ein katastrophales institutionelles Vakuum. Nun führen palästinensische Großfamilien interne Wahlen durch. Das sichert ihnen Zugang zu Hilfsgütern, einige haben aber auch politische Ambitionen.

Von Mohamed Solaimane

Im Schatten eines Gebäudes in der Küstenebene von al-Mawasi im südlichen Gazastreifen heben sich Hände zur Zustimmung. Ein Rechtsberater geht methodisch eine Liste durch und sammelt die Unterschriften der Anwesenden.

Die Atmosphäre an diesem Mittag Anfang Mai ist formell. In vielerlei Hinsicht erinnert die Szene an eine Wahl innerhalb einer Organisation. Nur dass es sich hier nicht um eine Gewerkschaft oder einen Gemeinderat handelt, sondern um eine Familie. Etwa 160 Männer, die den Murtadscha-Zweig der Familie al-Astal vertreten, die zu den größten und bedeutendsten Clans der belagerten Enklave zählt, haben soeben acht Kandidaten per Akklamation in ihre Generalversammlung gewählt.

Bislang haben solche Wahlen informell und unregelmäßig stattgefunden. Die aktuellen Abstimmungen bezeichnen Bürger:innen und Analyst:innen als beispiellos. Familien, die sich früher auf einen einzigen mukhtar – einen Gemeindevorsteher, der ernannt und nicht gewählt wird – gestützt haben, bilden nun mehrstufige Vertretungsgremien mit Generalversammlungen, gewählten Familienräten und formellen Satzungen. Es gibt neue Regelungen, wie und von wem Entscheidungen getroffen werden.  

Die Wahlen finden nicht nur in Gazas größtem Clan statt, erklärt Faten Harb, eine feministische Aktivistin, Mediatorin und mukhtara, die kürzlich in die Stadtverwaltung von Deir al-Balah gewählt wurde. Im ganzen Gazastreifen sei sie im Rahmen ihrer Arbeit Zeugin solcher Wahlen geworden.

„Jede Familie, egal ob sie ein paar Dutzend oder zehntausende Mitglieder hat, will jetzt einen Rat, der sie repräsentiert“, so Harb. „Eine Familie ohne Gremium riskiert, nicht berücksichtigt zu werden, beispielsweise bei der Verteilung von Hilfsgütern durch manche Organisationen.“

Eine Gruppe von Männern sitzt an einem Tisch, ein anderer scheint eine Rede zu halten. (Foto: Mohamed Solaimane)
Wahlzeremonie des Murtadscha-Zweigs der Astal-Familie, al-Mawasi, Gaza. (Foto: Mohamed Solaimane)

Die Entwicklung ist eine Reaktion darauf, dass der Regierungsapparat der Hamas zusammengebrochen ist. Das Nationale Komitee für die Verwaltung des Gazastreifens, das gemäß dem sogenannten Waffenstillstand vom Oktober 2025 die Verantwortung für den Gazastreifen übernehmen soll, ist vor Ort nicht präsent. 

In der Folge werden die großen Hilfsorganisationen immer abhängiger von den Familien. Diese stellen aktuelle Bevölkerungsregister bereit, die notwendig sind, um die Empfänger:innen von Hilfsgütern zu bestimmen. Nach Israels Vorgehen gegen das Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) und das breitere internationale Hilfssystem füllen diese Familiennetzwerke eine institutionelle Leerstelle.

Mohamed Mansour, Sprecher des Egyptian Relief Committee – einer der größten und aktivsten humanitären Organisationen in Gaza –, erklärt, seine Organisation stütze sich seit Beginn ihrer Tätigkeit vor zwei Jahren auf die von Großfamilien bereitgestellten Register. „Diese Listen sind die genauesten und professionellsten“, sagt er, „vor allem, weil Clan-Vertreter kein Interesse daran haben, Familien von der Registrierung auszuschließen.“ An 40 Verteilungsstellen in ganz Gaza und auf Basis der von den Großfamilien bereitgestellten Datenbanken habe die Hilfe des Komitees 450.000 Familien erreicht, so Mansour.

Dieser Modus operandi ist allerdings nicht ohne Mängel: „Es kommt immer wieder zu Konflikten zwischen den Vertretern der Familien“, räumt Mansour ein, „wir als Egyptian Relief Committee fordern, dass sie sich auf einen einzigen Vertreter oder ein einziges Gremium einigen, über das die Hilfe abgewickelt wird.“ Genau diese Reibereien, so Mansour, hätten den Anstoß dazu gegeben, formelle Gremien zu wählen und so eine höhere Legitimität zu erreichen.

Selbstorganisation der Familien

Scheich Tariq al-Astal, der sowohl dem Astal-Familienrat als auch dem Nationalen Zusammenschluss palästinensischer Stämme, Clans und Familien vorsitzt, bezeichnet den von seiner Familie eingeschlagenen Weg als vorbildlich. Ursprünglich ein Verband mit sechs Zweigen, gliedert sich die Großfamilie nun in dreißig Unterzweige auf.  

Jeder Zweig hat Delegierte im Verhältnis von einem Vertreter pro zwanzig Mitglieder gewählt. Sie bilden die Generalversammlung, die dann den Familienrat wählt. Der Rat bestimmt wiederum seinen eigenen Vorsitzenden, Stellvertreter und Unterausschüsse, darunter einen für Frauen, einen für soziale Solidarität und einen Dritten für Sport.

„Die Familienverbände sind dabei, repräsentative Räte zu bilden, die vor verschiedenen zuständigen Stellen in ihrem Namen sprechen. Die neuen Strukturen helfen dabei, ihre Arbeit zu organisieren, Abläufe zu straffen und ihre Präsenz im Rahmen zivilgesellschaftlicher Institutionen zu stärken“, erklärt al-Astal.

Die Wahlen selbst, argumentiert er, förderten den Austausch unter den Mitgliedern und stärkten die institutionellen Abläufe innerhalb der Familien. Sie seien aber auch eine Vorbereitung auf etwas Größeres, räumt er ein: die Teilnahme an Parlamentswahlen, Gemeinderatswahlen, jeglicher Regierungsform, die sich letztendlich in Gaza herausbilden werde.

Eine Gruppe von Menschen lauscht einer Rede. (Foto: Mohamed Solaimane)
Palästinenser nehmen am 16. Mai 2026 in Khan Yunis an einem Treffen der Nationalen Versammlung palästinensischer Stämme, Clans und Familien teil. (Foto: Mohamed Solaimane)

Eine andere Großfamilie, al-Qassas, stand vor zwei Jahren plötzlich ohne offizielle Vertretung da. In einer Zeit, in der sie ihn am dringendsten benötigten, wurde ihr mukhtar durch einen israelischen Luftangriff getötet. „Ohne Vertretungsorgan konnten unsere Familienmitglieder von vielen Dingen nicht mehr profitieren. Ohne die von einem Vertreter eingereichte Liste der Mitglieder gab es zum Beispiel keine Hilfsgüter mehr“, erinnert sich Taha al-Qassas. 

Um dieses Problem anzugehen, gründete die Familie einen Rat, entwarf eine Satzung und legte diese einer Generalversammlung von mehr als 510 registrierten Mitgliedern – allesamt Männer älter als 16 – zur Abstimmung vor. Die Versammlung wählte einen 13-köpfigen Familienrat für eine Amtszeit von vier Jahren, die einmal verlängert werden kann. Der Rat wählte seinen Vorsitzenden und gründete Ausschüsse.

Sogar die Kandidaturgebühren wurden festgelegt: 3.000 Schekel (etwa 1.000 US-Dollar) für das Amt des mukhtars, 200 für einen Sitz im Rat, 100 für die Generalversammlung und 10 für die allgemeine Mitgliedschaft, wobei die Einnahmen in einen Fonds fließen, der dem Clan zugutekommt. „Der mukhtar ist mit einem Staatsoberhaupt vergleichbar, der Rat ist so etwas wie die Regierung“, führt al-Qassas aus.

Nourhan al-Aqqad, Koordinator des Familienforums von Khan Yunis, bestätigt, dass der Zugang zu Hilfsgütern ein zentraler Antrieb dafür sei, dass im gesamten Gazastreifen so schnell repräsentative Gremien etabliert würden. „Institutionen, darunter die UN und [andere] internationale Organisationen, wählten diesen Ansatz und nahmen Kontakt zu Familienvertretern und Gemeindevorstehern auf, um Hilfsgüter und sogar Schutz zu gewähren“, erklärt er.

Ebenso gravierend wie die Probleme beim Zugang zu humanitärer Hilfe sei das juristische Vakuum in ganz Gaza, betonen sowohl al-Aqqad als auch Harb. Gerichte, Polizei und der Sicherheitsapparat sind nahezu lahmgelegt worden und haben ihre Arbeit seit dem Waffenstillstand nur teilweise wieder aufgenommen. Auch hier sind es Familienräte, die zum wichtigsten Instrument für die Beilegung von Streitigkeiten innerhalb der Großfamilien und zwischen ihnen geworden sind. „Selbst die Führungsgremien der Hamas verweisen die Menschen bei Streitigkeiten an die mukhtars und Familienräte“, sagt Harb. 

Von Clans geschaffene Gesetze und Rechtssysteme seien tief in der palästinensischen Kultur verwurzelt, insbesondere im Gazastreifen, erklärt Harb. Ihre derzeitige Bedeutung sei jedoch beispiellos und resultiere aus dem Fehlen einer funktionierenden Alternative.

Keine Vereinnahmung durch Israel

Die Bedeutung dieser sich im Krieg institutionalisierten Familienstrukturen ist Israel nicht entgangen. Premierminister Benjamin Netanjahu gab im vergangenen Jahr öffentlich zu, „Clans im Gazastreifen aktiviert zu haben, die sich der Hamas widersetzen“. 

Tatsächlich haben die israelische Armee und der Geheimdienst Shin Bet während des Krieges Kriminelle und Flüchtige rekrutiert und ihnen Macht, Geld, Waffen sowie Zugang zu Lebensmitteln und anderen Gütern versprochen, die gewöhnlichen Palästinenser:innen in Gaza vorenthalten blieben.

Das sichtbarste Ergebnis dieser Strategie war die Miliz „Popular Forces“ unter der Führung von Yasser Abu Schabab, der – laut mehreren israelischen Quellen – vorbestraft war und angeblich Verbindungen zu IS-nahen Schmugglernetzwerken auf dem Sinai unterhielt. Mit offener Unterstützung Israels war er in Rafah aktiv, bis er im Dezember 2025 von Mitgliedern seiner eigenen Miliz ermordet wurde.

Muhammad Shehada schrieb damals für das Magazin +972: „Wenn Israel die Besatzung einer belagerten Bevölkerung an die gewalttätigsten und opportunistischsten Kollaborateure auslagert, wird es keine stabile Alternative zur Herrschaft der Hamas schaffen. Eine solche Strategie fördert eine Miniökonomie der Warlords und bereitet den Boden für endlose Kreisläufe der Vergeltungsgewalt.“

Israel ist es zwar gelungen, Einzelpersonen als Kollaborateure zu gewinnen, jedoch keine der Großfamilien als Ganzes. „Israel ist es nicht gelungen, die Familien für sich zu gewinnen“, sagt Harb. „Tatsächlich wurden Familien, deren Mitglieder sich weigerten, mit Israel zusammenzuarbeiten, dafür bombardiert.“

Als Beispiel nennt sie die einflussreiche Großfamilie Bakr: Nach Angaben des Euro-Med Human Rights Monitor verübte Israel ein Massaker an der Familie. Einen Tag, nachdem deren mukhtar sich geweigert hatte, Forderungen Israels nachzukommen, wurden durch israelische Raketen neun Familienmitglieder getötet, darunter Frauen und Kinder. Die israelische Führung hatte ihm einen Deal vorgeschlagen: Seine Familie dürfe im Flüchtlingslager al-Schati bleiben, vorausgesetzt, ihre Mitglieder würden sich einer lokalen pro-israelischen Miliz anschließen.

Familien, in denen sich einzelne Mitglieder israelisch-unterstützten Milizen anschlossen – etwa die Abu Schababs oder die al-Astals (Hussam al-Astal führt die Miliz „Counter-Terrorism Strike Force“, die im israelisch kontrollierten Gebiet zwischen Khan Yunis und Rafah aktiv ist) – haben sich in öffentlichen Erklärungen von den betreffenden Mitgliedern distanziert. Ihr Verhalten bezeichneten sie als Verrat und warnten andere Familienmitglieder, sich in die von Israel kontrollierten Gebiete zu begeben. Die Familien, betont Harb, ließen dennoch „die Tür offen für Buße und Rückkehr“.

Familienstrukturen sind Männerdomänen

Alle für diesen Artikel befragten Familienoberhäupter waren sich in einem Punkt einig: Sie betonen nachdrücklich, dass die Großfamilien kein Ersatz für eine palästinensische politische Führung seien und dies auch nie sein würden. „Als Israel versucht hat, die Familien als Alternative zur Palästinensischen Autonomiebehörde oder zu anderen palästinensischen Instanzen ins Gespräch zu bringen, lehnten das alle ab“, bekräftigte al-Aqqad vom Familienforum von Khan Yunis.

Dennoch sieht er in den Wahlen ein Zeichen, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die politischen Gruppierungen stark geschwächt ist. Die Menschen setzten zunehmend auf familiäre Strukturen, um ihre Interessen zu wahren.

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Die jüngsten Kommunalwahlen in Deir al-Balah gaben einen Einblick, wie dies in der Praxis aussehen kann. Um Legitimität und Wahlbeteiligung zu sichern, hatten die Kandidaten im Vorfeld bewusst auf Parteizugehörigkeit verzichtet und stattdessen auf familiäre Netzwerke gesetzt. Obwohl sie als Unabhängige antraten, konnten sich die Gewinner:innen auf die Unterstützung ihrer Familien verlassen.

Al-Qassas fordert die politischen Parteien nach dieser Erfahrung auf, die gewählten Familienräte in ein zukünftiges politisches System zu integrieren statt sie als Hürde zu betrachten. Als gesunde Antwort auf das institutionelle Vakuum sollten die Wahlen gefördert werden. Sie seien der aktuell legitimste verfügbare Mechanismus, um familiäre Strukturen auf die Integration in künftige Regierungsformen vorzubereiten.

Einen bedeutenden Makel haben die jüngsten Wahlen innerhalb der Großfamilien jedoch: den vollständigen Ausschluss von Frauen sowohl von der Stimmabgabe als auch von der Kandidatur. Laut al-Qassas gilt dies für jede Familie im Gazastreifen, unabhängig von ihrer Größe. Die neu etablierten Generalversammlungen, Familienräte und mukhtar-Ämter sind reine Männerdomänen.

Die in der Kommunalwahl erfolgreiche Faten Harb lehnt den Ausschluss von Frauen ab, erläutert jedoch die soziale Logik dahinter: „In Gaza sind Familienräte in erster Linie dafür zuständig, die schwerwiegendsten Streitigkeiten zwischen Familien zu schlichten – Fälle, bei denen es typischerweise um Tötungsdelikte, gewalttätige Übergriffe und Auseinandersetzungen geht, von Stich- über Schusswaffen bis hin zu Brandstiftung“, erklärt sie. „Dies sind keine Streitigkeiten, an deren Lösung Frauen in Gaza traditionell beteiligt sind“, fügt sie hinzu, „es wäre darüber hinaus auch nicht mit dem konservativen Umfeld vereinbar, in dem palästinensische Frauen aufwachsen.“

Als mukhtara vermittelt Harb in sozialen Streitfällen wie Ehekonflikten, Frauenrechtsangelegenheiten und Problemen von Geschiedenen. Dies geschieht in einem informellen Rahmen, der parallel zu den von Männern dominierten Familienräten existiert. Sie stellt fest, dass weibliche mukhtaras in solchen Vermittlungsfällen bessere Ergebnisse erzielen als ihre männlichen Kollegen. Trotzdem werde die Mediationsarbeit im neu etablierten Wahlsystem der Großfamilien in Gaza nicht abgebildet.

„Dieses Dilemma muss gezielt angegangen werden“, sagt al-Qassas. „Wir brauchen echte Beteiligung von Frauen, ähnlich wie bei Parlamentswahlen.“ Die jüngsten Kommunalwahlen in Deir Al-Balah und die Tatsache, dass Harb einen Sitz erringen konnte, zeigen, dass die Wähler:innen über das Geschlecht von Kandidierenden hinwegsehen können. Im System der Familien besteht der Ausschluss jedoch weiter.  

Sollten die neuen Strukturen der Großfamilien tatsächlich in eine künftige Führung im Gazastreifen einbezogen werden, bliebe offen, ob das System gerecht ist – für kleinere Familien, für diejenigen, die außerhalb der etablierten Clanstrukturen stehen, und vor allem für Frauen. Festzuhalten ist, dass die neuen Strukturen rasch und unter enormem Druck aufgebaut worden sind. Wie sie aussehen werden, wenn der Druck nachlässt, ist noch nicht abzusehen.  

Laut al-Qassas steht eines jedoch fest: „Keine staatliche oder politische Initiative kann ohne die Großfamilien Erfolg haben – insbesondere angesichts der derzeitigen Kriegsbedingungen im Gazastreifen.“ 

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis. 

 

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