21 Jahre jung – und der arabischen Moderne voraus
Am Ende von Alis al-Bustanis Roman „Sa’iba“ steigt die namensgebende Heldin auf das Dach ihres Hauses und droht, sich das Leben zu nehmen. Ihr Cousin Farid, ein zügelloser und launischer Mann, hat über lange Strecken des Romans versucht, Sa’ibas Ruf zu zerstören, denn Sa’iba hatte sich geweigert, Farid zu heiraten.
Farid hat nichts mehr in der Hand, um sie zu überzeugen, und treibt sie auf dem Dach in die Enge. Sa’iba macht einen Schritt auf den Rand zu und erklärt: Eher würde sie sich in den Tod stürzen als ihre Ehre und Integrität zu opfern.
Dieser Plot ist mehr als erstaunlich: „Sa’iba“ wurde im osmanischen Beirut von einer 21-jährigen Frau geschrieben. Zu einer Zeit, als die Veröffentlichung des ersten arabischen Romans erst dreißig Jahre zurücklag und die Frage, ob Frauen überhaupt Romane schreiben sollten, heftige Debatten auslöste.
Nun ist al-Bustanis einzigartiger Roman von 1891 erstmals für ein englischsprachiges Publikum zugänglich, in der Übersetzung von Marilyn Booth für die Reihe Oxford World's Classics.
Al-Bustanis Heldin will im Roman nicht gerettet werden. Sie handelt, sagt ihre Meinung und verweigert sich. Und dafür bezahlt sie am Ende den höchsten Preis: Farid erschießt sie in ihrem eigenen Garten. Sie stirbt unter der Pappel, die in der Erzählung immer wieder wie ein Omen auftaucht. Neben ihr steht ihr Ehemann Lutfi und sieht zu, wie sie stirbt. Im Roman verkörpert er den modernen Mann und das Idealbild einer Ehe, wie es die moderne arabische Intelligenzia pflegte.
Das Versprechen der Nahda
„Sa’iba“ muss im Kontext der sogenannten Nahda betrachtet werden. Diese arabische intellektuelle Reformbewegung erfasste das damalige Großsyrien und Ägypten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zeitungen, Debattierclubs und Missionsschulen florierten; hitzige Debatten über die Zukunft der arabischen Gesellschaft wurden geführt. Die „Frauenfrage“ (mas'alat al-nisa’) war dabei eines der zentralen Anliegen.
Viele Intellektuelle vertraten die Ansicht, dass die Bildung von Frauen Voraussetzung für sozialen Fortschritt sei. Ihre Motivation war jedoch eher instrumentell als emanzipatorisch: Eine gebildete Frau wäre eine bessere Mutter, eine kompetentere Hausfrau und eine passendere Partnerin für ihren Ehemann. Die „neue Frau“ im Sinne der Nahda sollte gleichermaßen modern und bescheiden sein, eine wahre hakimat al-bait (Regentin des Haushalts).
Überwiegend männliche Autoren schrieben einen Roman nach dem anderen, in dem eine tugendhafte junge Frau der traditionell arrangierten Ehe eine Absage erteilt und stattdessen auf Basis von Liebe und Respekt einen würdigen Partner auswählt. Die Hochzeit erscheint in den Romanen stets als letzter Schritt, als ob damit automatisch eine Modernität erreicht wäre, eine neue Form der arabischen Familie entstünde und der soziale Fortschritt sichergestellt sei.
Inmitten dieser Diskurse wächst Alis al-Bustani auf. Ihr Vater, Butrus al-Bustani, war einer der führenden Intellektuellen der Zeit. Bereits 1849 hielt er öffentliche Vorträge über die Bildung von Frauen und gründete eine Schule, die er gemeinsam mit seiner Frau Rahil führte. Alis al-Bustanis Bruder Salim wird oft als Vater des modernen arabischen Romans bezeichnet, und auch ihre ältere Schwester Idlid veröffentlichte bereits 1870 eine kurze Novelle.
Die Handlung von „Sa’iba“ folgt auf den ersten Blick den Debatten der Zeit. Eine gebildete junge osmanische Frau zieht den ehrbaren Offizier Lutfi ihrem Cousin Farid als Ehemann vor. Eigentlich wäre die Auflösung naheliegend: Die Heldin wählt den Richtigen und ihre Tugend wird belohnt, das Paar beginnt ein harmonisches gemeinsames Leben.
Doch al-Bustani verweigert diese bequeme Lösung. Ihre männlichen Zeitgenossen, darunter ihr eigener Bruder, ließen ihre Romane oft mit der Hochzeit enden. Al-Bustanis Erzählung hingegen setzt dort erst ein. Der Großteil von „Sa’iba“ erzählt von dem, was nach der Hochzeit kommt: Farid schmiedet Rachepläne, er heuert eine falsche Dienstmagd und einen korrupten griechischen Geschäftspartner an, um Sa’ibas Ruf zu ruinieren und Lutfis Vertrauen zu untergraben.
Die Optimisten der Nahda gingen davon aus, dass eine frei gewählte, auf Liebe basierende Ehe die Würde und Sicherheit der modernen, gebildeten Frau sicherstellen würde. „Sa’iba“ stellt diese Annahme infrage. Sogar der ideale Ehemann Lutfi ist unter dem wachsenden Druck maskulinen Misstrauens nicht in der Lage, seiner Frau im entscheidenden Moment voll und ganz zu vertrauen.
Al-Bustani zeigt, dass selbst Bildung, ein guter Charakter und gute Absichten die Protagonistin nicht vor der Gewalt patriarchalen Anspruchdenkens und vor zersetzenden Gerüchten schützen können. Die Botschaft des Romans ist verstörend: Die Ideale der Nahda, so bewundernswert sie auch sein mögen, scheiterten an der Brutalität ebenjener sozialen Strukturen, die sie zu reformieren gedachten.
Schauerliteratur in osmanischem Gewand
Wie die Übersetzerin Booth in ihrer Einleitung darlegt, greift „Sa’iba“ Elemente der Viktorianischen Schauerliteratur auf. Der eifersüchtige Cousin, der die Heldin verfolgt, seine Pläne, sie einzusperren, und der Suizid als einzige Waffe einer Frau, die keinerlei rechtlichen Schutz genießt — all das sind wiedererkennbare Motive der Schauerliteratur, versetzt in ein arabisch-osmanisches häusliches Umfeld.
Al-Bustani war auch von der deutschen Erzähltradition um „Genoveva von Brabant“ inspiriert. Die unter anderem als Roman verarbeitete Tragödie handelt von einer Frau, die fälschlicherweise des Ehebruchs bezichtigt wird und Exil und Verfolgung überlebt, bis ihre Ehre schließlich wiederhergestellt wird. In „Sa’iba“ liest die Heldin den Roman „Genoveva“ unter der besagten Pappel. Schluchzend vertraut sie Lutfi an, sie fürchte, dass eine Lüge sie eines Tages trennen würde.
Doch während „Genoveva“ am Ende mit Rehabilitierung und Wiedervereinigung gut ausgeht, endet „Sa’iba“ mit einem tödlichen Schuss. Auf diese Weise enthüllt al-Bustani die sentimentalen Ansätze der europäischen Literatur als bloße Fantasien, die dem Vergleich mit der tatsächlichen Lebensrealität von Frauen nicht standhalten.
Eine dezidiert weibliche Perspektive
Wissenschaftler:innen haben eine „Zweistimmigkeit“ der Erzählung in „Sa’iba“ festgestellt. Der Text arbeitet gleichzeitig mit und gegen den herrschenden literarischen Diskurs seiner Zeit. Al-Bustani schrieb einerseits innerhalb des Rahmens, den ihr Bruder und seine Zeitgenossen etabliert hatten: die gebildete Heldin, das Ideal der Ehe aus Liebe – ein in Literatur verpacktes Gesellschaftsmodell. Doch die Autorin modifiziert jedes dieser Elemente, bis das Vertraute fremd wird.
Hundert Jahre arabischer Feminismus
Von Tunesien bis Saudi-Arabien: Seit Jahrzehnten streiten arabische Frauen für ihre Rechte, wehren sich gegen Gewalt und fordern Selbstbestimmung über ihre Leben und Körper. In diesem Buch kommen sie selbst zu Wort.
Al-Bustanis Prosa ist lebendiger und flexibler als die anderer Autorinnen ihrer Zeit. Ihre Figuren sind runder und psychologisch komplexer als jene, die typischerweise in den Romanen ihres Bruders vorkommen. Sie unterbricht die Erzählung immer wieder mit Exkursen und predigtartigen Passagen, die einen bestimmten Zweck erfüllen: Durch sie tritt al-Bustani als Frau auf, die sich an andere Frauen wendet. Sie nimmt dabei eine dezidiert weibliche Perspektive ein, die der Literatur ihrer männlichen Kollegen fehlt.
In einer der bemerkenswertesten Passagen unterbricht die Autorin die Geschichte, um Heiratsbräuche in Ost und West zu vergleichen. Dabei stellt sie fest, dass Frauen im Osten die Ehe eingehen, noch bevor ihr Charakter voll ausgeformt ist, ohne rechtlichen Schutz und zur Folgsamkeit erzogen.
Zurück im Zentrum der Debatte
Booth ist eine der erfolgreichsten Übersetzer:innen arabischer Literatur ins Englische und wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet. Ihre Übersetzung und vor allem ihre Einleitung zu al-Bustanis Roman sind Teil einer breiteren Bemühung, Beiträge arabischer Autorinnen der Nahda wissenschaftlich aufzuarbeiten und wieder zugänglich zu machen. Denn die Nahda-Autorinnen waren eine Generation, die zwar geschrieben und veröffentlicht hat, dann aber weitgehend vergessen wurde.
Wie so viele Autorinnen ihrer Zeit brachte auch al-Bustani nur einen Roman heraus und verschwand dann aus der Öffentlichkeit. Ihre Biographie ist lückenhaft: Wo sie studierte, wie ihr Roman aufgenommen wurde und warum sie zu schreiben aufhörte, ist unbekannt. 1926 starb sie in Ägypten. Booth geht mit diesen Lücken erfrischend ehrlich um, anstatt sie mit eigenen Vermutungen zu füllen.
Frühere Studien zu den Anfängen arabischer Belletristik erwähnen gelegentlich, dass ein Roman namens „Sa’iba“ existiert. Anmerkungen halten fest, dass es dem Text an „Kontinuität und Erzählfluss“ mangele oder dass er einen „wichtigen Schritt in Richtung anspruchsvollerer arabischer Literatur“ darstelle — mehr hatten sie zu „Sa’iba“ nicht zu sagen.
Dass der Roman jetzt in die Sammlung der Oxford World's Classics aufgenommen worden ist, bringt al-Bustani zurück ins Zentrum der Debatte, von der sie eigentlich schon immer ein Teil war. Weder imitierte sie die männlichen Autoren der Nahda noch beschränkte sie sich darauf, deren Werk zu erweitern. Sie schuf vielmehr eine alternative Vision dessen, was arabische Literatur vermochte: die Leser:innen nicht nur mit Wunschvorstellungen zu trösten, sondern sie mit einer ungeschönten Darstellung der Welt wachzurütteln.
Sa'iba
Alis al-Bustani (übersetzt von Marilyn Booth)
Oxford World's Classics
März 2026
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Jana Treffler.
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