News von und für Menschen im Exil
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„So hat alles angefangen“, sagt Julia Gerlach, Mitbegründerin von Amal News, und zeigt mit einer Tasse Tee in der Hand auf ihre Schwester Cornelia. Die beiden sitzen im Oktober bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Plattform in Berlin zusammen, umgeben von Gästen aus Syrien, Afghanistan, Iran, der Ukraine und anderen Diaspora-Gemeinschaften.
Gerlach erinnert sich an ein Gespräch, das sie 2015 in ihrer Küche geführt hatten, als gerade viele Flüchtlinge in Deutschland ankamen. „So viele Menschen kamen aus Syrien und aus Afghanistan, darunter auch viele Journalist:innen. Wir fragten uns: Was können wir als Journalist:innen tun?“
Ihnen kam die Idee, eine Medienplattform zu schaffen, die einerseits geflüchteten Journalist:innen eine Arbeitsmöglichkeit bieten und zugleich Neuankömmlingen verlässliche Informationen liefern sollte — in einer Zeit von Desinformationen und Fake News.
So entstand Amal News (Amal bedeutet auf Arabisch „Hoffnung“). Heute veröffentlicht das Medium Beiträge auf Arabisch, Dari/Farsi, Ukrainisch und Deutsch, umgesetzt von Teams in drei deutschen Städten: Berlin, Hamburg und Frankfurt. Lokale Nachrichten stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Los ging es 2016 mit Workshops für zehn Journalist:innen mit Fluchthintergrund aus Syrien, Ägypten, Afghanistan und dem Iran, veranstaltet von den Gerlach-Schwestern mit Unterstützung der Evangelischen Journalistenschule. Im März 2017 ging Amal mit den ersten arabischen und persischen Webseiten in Berlin an den Start, expandierte 2019 nach Hamburg und 2022 nach Frankfurt. Mit der Ankunft ukrainischer Flüchtlinge infolge des russischen Einmarsches 2022 kam eine ukrainische Ausgabe hinzu.
26 Exil-Journalist:innen in drei Städten
Für die afghanische Journalistin Zahra Nazari, die vor zehn Monaten dem Farsi/Dari-Team beigetreten ist, schließt das Medium eine wichtige Lücke für im Exil lebenden Journalist:innen. Vielen falle es schwer, weiter in ihrem Beruf zu arbeiten: „Es ist eine Herausforderung, in Deutschland eine Stelle als Journalist:in zu finden. Man muss erstmal das nötige Deutschniveau erreichen, um schreiben zu können“, sagt Nazari, die bis zur Machtübernahme der Taliban 2021 in Kabul arbeitete, gegenüber Qantara.
Macht gefestigt, Träume zerplatzt
Fünf Jahre nach ihrer erneuten Machtübernahme haben die Taliban ihre Herrschaft in Afghanistan konsolidiert. Bewaffnete Konflikte im Land sind zurückgegangen. Doch die neuen Machthaber wollen mehr: Sie versuchen auch, die Gesellschaft umzuformen.
Nazari war ein Jahr lang arbeitslos, bevor sie eine Stelle bei den Vereinten Nationen in der afghanischen Hauptstadt fand. 2024 zog sie im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms nach Berlin.
Heute produzieren für Amal 26 im Exil lebende Journalist:innen in drei deutschen Städten Nachrichten für Neuankömmlinge in Deutschland. Laut Gerlach soll Amal Menschen helfen, die Geschehnisse um sie herum zu verstehen — eine Voraussetzung, um sich eine eigene Meinung bilden und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.
Für Amloud Al-Amir, syrische Redakteurin im arabischen Ressort und eine der Gründungsjournalist:innen der Plattform, ist es essenziell, Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln. Sie berichtet über arabische Gemeinschaften in Berlin, insbesondere über Syrer:innen. „Die Aufgabe der Medien ist es, den Menschen das Gefühl zu geben, dass dieser Ort wirklich ihr Zuhause ist – ihr neues Zuhause“, sagt sie.
Neben aktuellen Nachrichten bietet Amal praktische Tipps, wie man neue Leute kennenlernt, was man am Wochenende unternehmen kann oder wie man einem Verein beitritt. Außerdem werden Menschen porträtiert, die sich in Deutschland etabliert haben. „Es ist wichtig, den Menschen Hoffnung zu geben, dass sie das auch erreichen können, selbst wenn es Zeit braucht“, sagte Gerlach.
Neue Erzählungen über Migrant:innen
Indem Amal News vielfältige Geschichten von und über Migrant:innen erzählt und deren Leben und Erfahrungen in den Vordergrund stellt, anstatt sie ausschließlich über Abschiebungen und Flüchtlingsdebatten zu definieren, stellt das Portal gängige Vorurteile in Frage.
Nazari berichtet beispielsweise über Afghan:innen in Deutschland, insbesondere Frauen, die sich im Exil ein neues Leben aufgebaut haben und Sängerinnen, Sportlerinnen und Fußballspielerinnen geworden sind. „Diese Geschichten können sehr wirkmächtig sein“, sagt sie. „Es geht darum, Stereotype abzubauen.“
Amal möchte eine Lücke in der deutschen Medienlandschaft schließen, indem das Online-Magazin durch Partnerschaften mit etablierten Medien die Perspektiven von migrantischen Communities einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht.
Regelmäßig arbeite Amal etwa mit dem Berliner Tagesspiegel und anderen lokalen Medien zusammen, so Gerlach. Seit September veröffentlicht Amal außerdem auch auf der eigenen Plattform deutschsprachige Inhalte. „Amal ist eine Brücke – sie verbindet deutsche Medien mit unseren Communities. Es ist wichtig, immer auch die andere Seite zu hören“, sagt sie.
Kampf gegen Fake News
Eine große Herausforderung für Amal stellt die zunehmende Desinformation dar. „Das ist momentan ein sehr großes Problem, das insbesondere die ukrainische Gemeinschaft betrifft“, sagt Gerlach. Neben rechtsextremen Kampagnen, die sich an die deutsche Mehrheitsgesellschaft richten, gibt es laut Gerlach auch Versuche, Migrant:innengemeinschaften zu beeinflussen. Ein Teil dieser Desinformation stamme aus dem Ausland, unter anderem aus Russland.
Auch in arabischsprachigen sozialen Medien schürt Desinformation immer wieder Misstrauen, Angst und Besorgnis. Eine Kampagne gegen das deutsche Jugendamt verunsicherte 2023 viele migrantische Familien. Amal reagierte darauf, indem das Portal Kontext lieferte und die Rolle des Jugendamts erklärte. So erhielten die Leser:innen Zugang zu verlässlichen Informationen.
Auch die jüngsten Wahlerfolge der AfD waren für Amals Team ein Anlass, die politische Berichterstattung auszuweiten. „Wir sagen unseren Leser:innen nicht, wen sie wählen sollen, aber sie sollten darüber nachdenken“, sagt Gerlach.
Politische Signale an migrantische Communities
Die rechtsextreme AfD erzielte bei den Landtagswahlen im September historische Erfolge, die Linkspartei wurde erstmals stärkste Partei in Berlin. Migrant:innen überlegen nun, welche Auswirkungen die Wahlergebnisse auf sie haben könnten.
Redakteurin Al-Amir sieht in der Politik der AfD eine direkte Bedrohung für die Gemeinschaften, für die Amal schreibt. „Das betrifft uns alle, denn sie wollen die Menschen in ihre Herkunftsländer zurückschicken. Sie respektieren nicht, was Migranten:innen in Deutschland oder Berlin beitragen“, sagt sie. „Indem sie nur Akademiker:innen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptieren, wollen sie die migrantische Gemeinschaft spalten.“
Amal News im neuen Syrien
Nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 dehnte Amal News seine Arbeit auf Syrien aus und organisierte eine Sommerschule für Journalist:innen in Damaskus.
Für Gerlach unterstreicht das Projekt, wie wichtig starke Medien für das neue Syrien ind. Außerdem bringe es Journalist:innen aus verschiedenen Teilen der syrischen Gesellschaft zusammen. Sunnit:innen, Alawit:innen, Christ:innen und Drus:innen, arbeiten im Rahmen der Schulung zusammen, laut Gerlach der wichtigste Aspekt des Projekts.
Ein Jahrzehnt nach der Gründung sieht sich Amal mit veränderten Bedürfnissen der Leser:innen konfrontiert sowie mit der Herausforderung, die Finanzierung nachhaltig sicherzustellen. Aktuell ist Amal auf Förderungen verschiedener Träger angewiesen, darunter EU-Mittel, staatliche Fördergelder und Förderungen von NGOs. Da diese meist nur projektbezogen laufen, sucht Amal weiter nach einer Finanzierung, die die Existenz des Nachrichtenportals langfristig sichert.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals von Clara Taxis und Jana Treffler mithilfe KI-gestützter Tools.
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