„Krieg ist kein Abenteuerspielplatz“

Ein Libanese filmt einen israelischen Luftangriff auf die südlibanesische Hafenstadt Tyros, während die israelischen Streitkräfte ihre Invasion im Südlibanon fortsetzen – und das mitten in den laufenden direkten Gesprächen zwischen dem Libanon und Israel in Washington im Mai 2026.
Israelischen Luftangriff auf die südlibanesische Hafenstadt Tyros, Mai 2026. (Foto: picture alliance/dpa/Stringer)

Junge Leute im Libanon müssen über die Gewaltvergangenheit sprechen, sagt Christina Foerch-Saab von den „Fighters for Peace“. Mit Ex-Kämpfer:innen geht sie deshalb an Schulen und Unis. Trotz aktueller Eskalation sieht sie ein Umdenken – in Teilen der Gesellschaft.

Interview von Jannis Hagmann

Qantara: Frau Foerch-Saab, Sie setzen sich mit Ihrer NGO „Fighters for Peace“ für Frieden ein. Was bedeutet Frieden in einem Land wie Libanon? 

Christina Foerch-Saab: Uns geht es vor allem um internen Frieden, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Unsere Zeitzeug:innen haben alle im Bürgerkrieg gekämpft, aber kommen aus unterschiedlichen Schichten und aus allen Ecken des Landes. Manche sind sunnitisch, andere schiitisch, drusisch oder atheistisch. Unsere ehemaligen Kämpfer und Kämpferinnen sagen: Wir haben es mit Gewalt versucht und sind gescheitert. Um etwas zu verändern, braucht es gewaltfreie Mittel. 

Der libanesische Bürgerkrieg ist seit 1990 vorbei. Die Kämpfer:innen von damals sind heute in ihren Sechzigern und Siebzigern. Stoßen sie bei jungen Leuten noch auf Gehör? 

Zum Glück ja! Viele wissen nicht viel über den Bürgerkrieg. Und wenn sie etwas darüber hören, dann aus dem engen Familienkreis, wo es oft vorgefertigte Narrative gibt, aber keine unterschiedlichen Perspektiven auf die gewaltvolle Geschichte des Landes. 

Bei „Fighters for Peace“ ist das anders? 

Wenn wir in Schulen, Jugendclubs oder Universitäten gehen, treten wir immer zu zweit auf: zwei ehemalige Feinde aus unterschiedlichen bewaffneten Gruppen, oft auch Mann und Frau. Das ist interessant für die jungen Leute, weil es authentisch ist.  

Christina Foerch, Mitbegründerin der libanesischen NGO "Fighters for Peace" (Foto: Qantara/Jannis Hagmann)

Christina Foerch-Saab lebt seit 2000 in Beirut. Sie ist Mitbegründerin der Organisation „Fighters for Peace“ (FFP), die mit ehemaligen Kämpfer:innen aus dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) im Bereich Friedensbildung und Extremismusprävention aktiv ist. Sie ist zuständig für Programmleitung und internationale Beziehungen. Ihr Ehemann Ziad Saab zog 1975 für die Kommunistische Partei in den Krieg und ist heute FFP-Vorsitzender.

Was nehmen junge Libanes:innen aus den Begegnungen mit? 

Wir wollen kritisches Denken anregen und Extremismus vorbeugen. Im Fachjargon nennt man das Primärprävention. Unsere Hauptbotschaft: Wenn man einen Krieg lostritt, öffnet man eine Büchse der Pandora. Man weiß nicht, wie lange er dauern wird und wie hoch die Verluste sein werden. Krieg ist kein Abenteuerspielplatz.  

Unsere Ehemaligen sagen immer, sie hätten sich gewünscht, dass jemand sie zu Beginn des Bürgerkriegs gewarnt hätte. In den 70ern wurde politische Gewalt in einem breiten Spektrum der libanesischen Gesellschaft verherrlicht. Wer nicht selbst in den Krieg zog, spendete oft zumindest Beifall. 

Ist das heute anders? 

In Teilen der schiitischen Bevölkerung, in Hisbollah-nahen Kreisen, ist es leider noch so. Aber in der breiten Gesellschaft ist die Kriegsverherrlichung deutlich zurückgegangen. Zwar sehe ich die Gefahr, dass junge Leute nur noch wenig über den Bürgerkrieg wissen. Gleichzeitig erleben sie heute selbst wieder Krieg und haben neue Anknüpfungspunkte. Sie wissen jetzt auch, wie sich Krieg anfühlt. 

Das heißt, die aktuelle Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah erhöht die Bereitschaft zuzuhören? 

Bei einigen ja. Andere fragen aber auch, warum wir über den Bürgerkrieg sprechen wollen nach allem, was passiert ist: Corona, die Hafenexplosion 2020, die Wirtschaftskrise und jetzt die Kriegsphasen 2024 und 2026. 

Was antworten Sie? 

Wir versuchen, Zusammenhänge aufzuzeigen. Warum haben wir heute Krieg? Weil wir mit der Hisbollah eine bewaffnete Gruppe im Land haben, die ihren Anfang im Bürgerkrieg nahm und vom Friedensvertrag ausgenommen wurde – mit der Begründung, im Südlibanon gegen Israel kämpfen zu müssen. Die Hisbollah ist bis heute aktiv, weil der Krieg nicht aufgearbeitet wurde. Es gab keine Rechenschaftspflicht, stattdessen ein Amnestiegesetz. Für die Opfer war das schlimm. Es handelt sich um einen Fehler bei der Beendigung des Krieges. 

Seit der militärischen Schwächung der Hisbollah wird wieder über das alte Ziel einer Entwaffnung der Miliz diskutiert. Auch im Rahmenabkommen zwischen den USA, Israel den USA von Juni ist es explizit festgehalten. Halten Sie eine Entwaffnung für realistisch? 

Mittlerweile wird offen darüber gesprochen, dass Waffen unter staatliche Kontrolle gehören. Früher war das politisch und gesellschaftlich ein Tabu. Zwar gab es immer mutige Stimmen aus der Zivilgesellschaft, aber die meisten hatten Angst. 

Woran machen Sie den veränderten Diskurs fest?  

Die Rufe nach einer Entwaffnung werden lauter und kommen mittlerweile selbst aus der schiitischen Community. Vor Kurzem sorgte zum Beispiel ein schiitischer Podcaster für Aufsehen. 

Warum wandelt sich der Diskurs? 

Neben der Schwächung der Hisbollah auch deshalb, weil die Menschen die Schnauze voll haben. Sie sehen, dass der Libanon wieder in ein Abenteuer gezogen worden ist, das weder den Menschen in Gaza noch im Südlibanon hilft. Der Südlibanon war seit dem Rückzug Israels 2000 befreit, warum musste das sein? Für große Teile der Bevölkerung ist das totaler Irrsinn. 

Auf der anderen Seite lassen die israelischen Bombardierungen und der Einmarsch von Bodentruppen die Stimmung wieder in die andere Richtung kippen. Das erzeugt ganz falsche Bilder. Genau das braucht die Hisbollah, um sich als einzige Organisation in Szene zu setzen, die Israel die Stirn bietet.   

11. April 2025, Beirut, Libanon: Der ehemalige Kämpfer der christlichen „Libanesischen Streitkräfte“, Pierre Rihan (rechts), 68, und der ehemalige muslimische Kämpfer der Kommunistischen Partei, Nassim Assad (68), gehen im Gebiet von Ain al-Rimmaneh durch das ehemalige Kampfgebiet an der „Grünen Linie“ von Beirut, die die Stadt einst in zwei Hälften teilte. Rihan und Assad kämpften einst entlang derselben „Grünen Linie“ gegeneinander, doch 50 Jahre später sind beide Mitglieder von „Fighters for Peace“.
Zwei ehemalige Kämpfer von „Fighters for Peace“ im einstigen Kampfgebiet an der „Grünen Linie“, die im Bürgerkrieg Beirut teilte: Pierre Rihan (r.), der für die Libanesischen Streitkräfte kämpfte, und Nassim Assad, der für die Kommunistischen Partei kämpfte. (Foto: picture alliance / Zumapress | M. Naamani)

Sollte es wirklich zu einer Entwaffnung der Hisbollah kommen, was würde das für die „Fighters for Peace“ bedeuten?  

Wir fragen uns intensiv, wie wir in diesem Fall ehemalige Hisbollah-Kämpfer unterstützen und reintegrieren könnten. Wir gehen deshalb verstärkt in schiitische Communities. Wir versuchen, im Südlibanon Dialoge auf Gemeindeebene zu organisieren. Zunächst sind wir präsent, hören zu und wollen wissen, welche Vorstellungen vom Libanon es überhaupt gibt. 

Haben Sie bereits ehemalige Hisbollah-Kämpfer in Ihren Reihen? 

Wir haben Kontakte. Als der Krieg in Syrien noch lief und die Hisbollah das Assad-Regime unterstützte, kamen einige Kämpfer von sich aus auf uns zu, weil sie desillusioniert waren. 

Warum? 

Sie fragten sich damals: Was machen wir in Syrien? Wir sind doch eine Widerstandsorganisation gegen Israel. Sie wollten Unterstützung, um etwas bei der Hisbollah zu verändern, was wir natürlich nicht leisten konnten. Aber wir konnten helfen, das Erlebte aufzuarbeiten. Letztendlich haben wir sie ermutigt auszusteigen, indem wir sie ermutigt haben, sich Studienstipendien im Ausland zu suchen und möglichst schnell auszureisen. 

Wie sieht ein typischer Ausstieg aus einer Organisation wie der Hisbollah aus? 

Generell ist es im Extremismus so: Junge Leute lassen sich mit Begeisterung in eine Miliz oder extremistische Gruppe hineinziehen. Sie werden in die Strukturen eingebunden, bekommen Anerkennung und Aufstiegschancen. Um wieder herauszukommen, muss etwas passieren. Oft ist das eine Enttäuschung, zum Beispiel die Erkenntnis, dass Theorie und Praxis nicht übereinstimmen – wie im Fall der Hisbollah-Unterstützung für das Assad-Regime. Zentral sind zudem Phasenwechsel in der Biografie. Der Blick verändert sich, wenn jemand zum Beispiel Vater wird. 

Heißt es in Fachkreisen nicht, dass der Prozess der Deradikalisierung Jahre dauert? 

In der Forschung geht man von rund zehn Jahren aus. Nach dem auslösenden Ereignis muss man aus der extremistischen Gruppe noch herauskommen. Wer aussteigt, verliert Kontakte, wird als Nestbeschmutzer angefeindet. Man verliert Status, Bestimmung, Lebensperspektive und Macht. Das alles muss nach und nach ersetzt werden. 

Helfen die „Fighters for Peace“ auch dabei? 

Ich beispielsweise mache Biografiearbeit mit Betroffenen, die bereits in extremistischen Strukturen waren. Wir überlegen gemeinsam, für welche Ideale sie sich ursprünglich engagiert haben. Wenn dann ein Wert wie Gerechtigkeit kommt, überlegen wir, wie man sich noch für Gerechtigkeit einsetzen kann, nachdem es mit Gewalt nicht funktioniert hat. So können Betroffene eine neue sinnstiftende Rolle finden. 

Sie haben auch libanesische Ex-Kämpfer und -Kämpferinnen für „Fighters for Peace“- Veranstaltungen nach Deutschland gebracht. Warum? 

Auslöser war die Flüchtlingskrise 2015. In einem Vorort von Stuttgart kamen plötzlich 750 syrische Geflüchtete an. Viele der Geflüchteten hatten alles verloren, und teilweise waren sie untereinander verfeindet: Regime-Anhänger und -Gegner, Menschen, die vor dem IS geflohen waren oder vor dem Assad-Regime. Plötzlich saßen alle zusammen in einer Asylunterkunft. Unsere ehemaligen Kämpfer und Kämpferinnen erzählten von ihren Erfahrungen. Für die Geflüchteten war das wie ein Dammbruch, sie hörten gar nicht mehr auf zu erzählen. 

Gehen Sie in Deutschland auch wie im Libanon in Schulen? 

In Berufsschulen. Wir waren einmal in einer Klasse im tiefsten Bayern, in der von 25 Schülerinnen und Schülern 20 aus Syrien oder dem Irak kamen. Für die Jugendlichen war es wichtig, von ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfern zu hören, wohin Gewalt führt – und dass man wieder herauskommen kann. 

Was motiviert Ihre ehemaligen Kämpfer:innen, in Deutschland zu arbeiten, wo es doch im Libanon genug zu tun gibt? 

Die Welt ist kleiner geworden. Gruppen wie die Hisbollah oder der IS haben ihre Netzwerke im Ausland, auch in Deutschland. Hinzu kommen Flucht und Migration. In Deutschland gibt es oft wenig Raum für traumatische Erfahrungen. Lehrkräfte, Dozierende, Schulpsycholog:innen und Sozialarbeiter:innen sprechen solche Themen oft selbst dann nicht an, wenn Konflikte wie aktuell zwischen Israel und dem Libanon wieder aufflammen. Man traut sich nicht, darüber zu sprechen.

 

Hinweis: Die Organisation „Fighters for Peace“ ist in der Vergangenheit vom Förderprogramm zivik des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) gefördert worden. Auch Qantara ist am ifa angesiedelt.

 

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