Kuwait bürgert seine klügsten Köpfe aus
Es war ein Schock für die arabische Kulturwelt: Durch mehrere Dekrete hat die kuwaitische Regierung im Juni von einem Tag auf den anderen 2.193 Personen und deren Familienangehörigen die Staatsbürgerschaft entzogen. Betroffen sind auch prominente Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Wissenschaft, die das Gesicht Kuwaits über Jahrzehnte geprägt haben.
An der Spitze der Namenslisten steht der international bekannte kuwaitische Romancier und Erzähler Talib al-Rifai, dicht gefolgt von dem Historiker Hisham al-Awadi und dem Komponisten-Duo Youssef und Abdul Muhsin al-Muhanna.
Die Massenausbürgerung ist Teil einer seit über zwei Jahren andauernden Kampagne zur Korrektur von angeblich fälschlicherweise vergebenen Staatsbürgerschaften. Wie die Behörden den Schritt in den konkreten Fällen begründen, ist nicht öffentlich bekannt.
Mit der Krönung von Emir Mishal al-Ahmad al-Sabah im Dezember 2023 war in Kuwait eine Ideologie ins Zentrum der Macht gerückt, die die demokratischen Entwicklungen seit den 1990er-Jahren rückgängig machen will. Bei der Ausbürgerung stützen sich die Behörden auf das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1959. Dieses definiert „ursprüngliche Kuwaiter“ als jene Familien, die sich vor 1920 in Kuwait niedergelassen und ihren ständigen Wohnsitz dort beibehalten haben.
Von der Kampagne waren schon im April 2026 über 71.000 Personen betroffen – wobei deren Angehörige noch hinzugezählt werden müssen. Insgesamt könnten bis zu 300.000 Kuwaitis, also circa zwanzig Prozent der Bevölkerung Kuwaits, ihre Staatsangehörigkeit verloren haben.
Im Juni 2026 warnte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR), dass Frauen und Kinder am stärksten unter den rechtlichen Folgen leiden würden, da der Verlust der Staatsbürgerschaft eines Familienoberhaupts automatisch auch für sie gilt.
Die Ausbürgerung Talib al-Rifais und anderer Intellektueller hat jedoch noch eine weitere Dimension: Expert:innen verstehen den Entzug der Staatsbürgerschaft von prominenten Kulturschaffenden – ohne Offenlegung konkreter juristischer Belege – als Versuch, den kritischen Diskurs nach der verfassungswidrigen Auflösung des Parlaments im Mai 2024 einzudämmen.
Al-Rifai: Chronist der Marginalisierten
Talib al-Rifai wurde 1958 in Kuwait geboren. In seinem literarischen Schaffen ging es ihm nie um bloßen Ruhm, sondern um die schmerzhafte Dekonstruktion sozialer Transformation der kuwaitischen Gesellschaft. Seine Romane und Kurzgeschichten zeichnen sich durch ein unerschütterliches Engagement für Ausgestoßene aus.
Schon in „Schatten der Sonne“ (ظل الشمس ,1998) hatte er ein fundamentales Tabu in den Golfstaaten gebrochen, als er über die systematische Ausbeutung von Arbeitsmigrant:innen schrieb. Er thematisierte zudem die sogenannten bidun – eine seit jeher staatenlose Minderheit im Golf.
Staatenlos im eigenen Land
Seit über 50 Jahren leben die kuwaitischen Bidun ohne offizielle Staatsangehörigkeit. Nach der Unabhängigkeit Kuwaits versäumten sie, diese zu beantragen. Jetzt wollen Kuwaits Behörden das Problem angehen. Von Dina El Basnaly
Für seinen Roman „Der Duft des Meeres" (رائحة البحر ,2002) erhielt der Autor einen staatlichen Förderpreis; später wurde er mit dem renommierten staatlichen Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Es grenzt an eine Tragödie shakespearescher Prägung, dass ihm nun durch einen Verwaltungsakt dasselbe Schicksal widerfährt wie vielen Figuren seiner Romane: ein Leben ohne offizielle Identität.
Al-Rifais Einfluss reicht weit in die arabische Kulturszene hinein. Er gilt als eine der prägendsten Stimmen der arabischen Gegenwartsliteratur und war unter anderem bis 2018 langjähriger Berater des kuwaitischen Nationalrats für Kultur, Künste und Literatur (NCCAL). Zudem leitete er 2010 die Jury des International Prize for Arabic Fiction (IPAF). 2015 gründete er das „Kulturforum" und den „Al-Multaqa-Preis für arabische Kurzgeschichten".
Arabische Solidaritätswelle
Die Nachricht von al-Rifais Ausbürgerung löste eine beispiellose Welle der Solidarität aus. Der Allgemeine Verband arabischer Schriftsteller forderte die kuwaitischen Behörden auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. In einem Solidaritätsschreiben, das von Dutzenden arabischen und europäischen Akademiker:innen, Übersetzer:innen und Autor:innen unterzeichnet wurde, hieß es:
„Al-Rifai ist nicht einfach nur ein kuwaitischer Bürger, der seine Staatsbürgerschaft verloren hat. Er ist eines der prominentesten kulturellen Gesichter, die die zeitgenössische kuwaitische und arabische Literaturlandschaft überhaupt erst geformt haben.“
In den sozialen Netzwerken drückten Intellektuelle ihren Zorn aus, wie ein Bericht von Al-Araby Al-Jadeed dokumentiert. Der renommierte irakische Literaturkritiker Abdullah Ibrahim schrieb: „Ich habe nie einen Bürger getroffen, der sein Land in Wort und Tat so sehr liebt wie Talib al-Rifai.“
Der algerische Schriftsteller Waciny Laredj fragte bestürzt: „Wie kann ein so tief verwurzelter Bürger plötzlich ohne Heimat dastehen?“ Der libanesische Dichter Abdo Wazen ergänzte: „Dir, mein Großer, gebühren all unsere arabischen Identitäten.“
Ein Fenster zur kuwaitischen Seele
Hat der deutsche Literaturbetrieb blinde Flecken, wenn es um arabische Literatur geht? Unser Autor sieht mindestens einen: den kuwaitischen Literaten Taleb al-Rifai. Ein Plädoyer für sozialkritische Literatur, die orientalistische Erwartungen enttäuscht.
Kritische Intellektuelle im Visier
Ein weiterer Fall zeigt, dass offenbar gezielt Intellektuelle ausgebürgert werden, die sich sozialkritisch äußern. So trafen die Dekrete Mitte Juni auch den Historiker Hisham al-Awadi, der an der American University in Kuwait lehrt.
Al-Awadi ist bekannt für seine mutigen Arbeiten zur kuwaitischen „Geschichte von unten“. Mit Werken wie „Die Geschichte der Sklaven am Arabischen Golf“ (2021) und „Die vergessene Geschichte Kuwaits“ (2025) holte er Arbeiter:innen und Frauen aus dem Schatten der offiziellen, elitären Geschichtsschreibung.
Der ägyptische Philosoph und Denker Youssef Ziedan reagierte auf die Ausbürgerung seiner Kollegen scharf. Das Ansehen von Nationen, so Ziedan, bemesse sich auch an dem symbolischen Kapital, das ihre Denker und kulturellen Schlüsselfiguren beisteuern.
Gesellschaften, die ihre eigenen Intellektuellen verstießen, beraubten sich ihrer zivilisatorischen Identität. Ein Entzug der Staatsbürgerschaft, Generationen nach einer vermeintlich falschen Einbürgerung, werfe fundamentale Fragen hinsichtlich der Kriterien für Zugehörigkeit im Nahen Osten auf.
Der Fall Talib al-Rifai beleuchtet letztlich ein strukturelles Problem vieler Rechtssysteme der arabischen Welt. Die Staatsbürgerschaft wird vielerorts nicht als unveräußerliches Grundrecht verstanden, sondern als flexibles Privileg, das von der Exekutive durch politische Entscheidungen und ohne faire gerichtliche Kontrolle entzogen werden kann.
Gleichzeitig verdeutlichen die Entwicklungen auch, dass Regierungen und Behörden zwar die Macht haben, Pässe, Urkunden und administrative Bescheinigungen mit einem Federstrich zu annullieren. Die Heimatverbundenheit der Autor:innen können sie jedoch nicht aus ihren Werken löschen. Literatur lässt sich nicht ausbürgern.
© Qantara.de