Schreiben gegen das Verbot

Shahrnush Parsipur (Foto: Hreinn Gudlaugsson, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)
Kurz vor ihrem Tod noch für den Booker-Preis 2026 nominiert: Shahrnush Parsipur (Foto: Hreinn Gudlaugsson, CC BY-SA 4.0)

Mit Shahrnush Parsipur verliert Iran eine seiner unbeugsamsten literarischen Stimmen. Die Autorin von „Frauen ohne Männer“ schrieb gegen Zensur und Unterdrückung an. Zuletzt weigerte sie sich, den Krieg gegen den Iran als Befreiung zu verklären.

Von Mohammad Mehdipour

Mit 80 Jahren ist die Schriftstellerin, Übersetzerin, Kulturforscherin und langjährige Mitstreiterin des iranischen Schriftstellerverbandes am vergangenen Freitag im kalifornischen Exil verstorben. Ihr Werk gehört nicht nur zur Geschichte der modernen persischen Literatur. Es gehört auch zur Geschichte jener Frauen, die das Schreiben nicht als Schmuck der Sprache verstanden, sondern als Form des Widerstands.

1946 in Teheran geboren, verbrachte Parsipur einen Teil ihrer Kindheit auch in Abadan und studierte Soziologie an der Universität Teheran. Später arbeitete sie als Produzentin beim iranischen Rundfunk und Fernsehen. 

Die Stellung gab sie jedoch auf, nachdem sie gegen die Hinrichtung der linken Aktivisten Khosrow Golesorkhi und Keramatollah Daneshian sowie gegen die Verhaftung des Schriftstellers Gholamhossein Saedi protestiert hatte. 

Schon damals, noch unter dem Schah, wurde deutlich, dass Parsipurs Verhältnis zur Macht nicht von Anpassung, sondern von Widerspruch geprägt war. Kurz darauf wurde sie zum ersten Mal inhaftiert. Nach ihrer Freilassung ging sie nach Frankreich, wo sie chinesische Sprache und Kultur studierte. 1974 erschien in Iran ihr erster Roman „Der Hund und der lange Winter“

Nach der Revolution 1979 kehrte sie in ihr Land zurück und engagierte sich im iranischen Schriftstellerverband. Doch auch die Islamische Republik ließ ihr keinen Raum. 1981 wurde sie mit ihrer Mutter verhaftet, weil sie politische Schriften besaß. Im Gefängnis entwarf sie zwei ihrer wichtigsten Bücher: „Tuba und die Bedeutung der Nacht“ und „Frauen ohne Männer“ (1989).

Das Exil machte Parsipur nicht stumm

Gerade „Frauen ohne Männer“ wurde zu einem Schlüsseltext der modernen iranischen Literatur. Der schmale Roman erzählt von Frauen, die sich den engen Rollen von Familie, Moral und patriarchaler Ordnung entziehen. Der Garten, in dem sie Zuflucht suchen, ist dabei mehr als ein Ort der Flucht. Er ist ein Raum der Verwandlung, ein Gegenbild zu einer Gesellschaft, die weibliche Körper kontrolliert und weibliche Stimmen zum Schweigen bringen will. 

Parsipur schrieb über Körper, Begehren, Einsamkeit, Angst und Freiheit, lange bevor diese Themen im öffentlichen Diskurs Irans offen verhandelbar waren.

Die Reaktion des Staates war bezeichnend. „Frauen ohne Männer“ wurde verboten, Parsipur erneut verhaftet. Ein Roman genügte, um die Macht nervös zu machen. Das zeigt vielleicht am deutlichsten, worin die politische Kraft ihrer Literatur lag: nicht in Parolen, sondern in der Vorstellung, dass Frauen anders leben, anders begehren und anders erzählen könnten.

Später verließ Parsipur Iran und lebte im Exil in den Vereinigten Staaten. Doch das Exil machte sie nicht stumm. Ihre Bücher zirkulierten weiter, oft jenseits offizieller Kanäle, gelesen von Generationen, die in ihnen eine andere Sprache für weibliche Erfahrung, Unterdrückung und Selbstbefreiung fanden. 2026 wurde „Frauen ohne Männer“ erneut international sichtbar, als die englische Ausgabe für den International Booker Prize nominiert wurde.

Immer unabhängig

Bis zuletzt blieb Parsipur eine unbequeme Stimme. Auch als die USA und Israel Iran angriffen, stellte sie sich nicht auf die Seite jener, die Krieg als Weg zur Befreiung ausgaben. Sie sprach sich entschieden gegen diesen Krieg aus und erinnerte daran, dass es am Ende die Menschen in Iran sind, die unter Bomben, Raketen und politischer Gewalt sterben. 

Diese Haltung war kein spätes Missverständnis, sondern Teil derselben Unabhängigkeit, die ihr Leben geprägt hatte: Parsipur hatte gegen die Monarchie protestiert, sie hatte unter der Islamischen Republik Gefängnis und Verbot erlitten, und dennoch weigerte sie sich, die Gewalt gegen ihr Land als Befreiung zu verklären.

Auch im Exil war Parsipurs Alltag alles andere als literarischer Komfort. Weggefährtinnen haben daran erinnert, dass Parsipur zeitweise in Armut lebte, einfache Arbeit annahm und immer versuchte, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. 

Gerade darin lag eine stille Würde: Sie machte aus ihrem Leiden kein Geschäftsmodell und aus ihrem Namen kein Projekt. Sie blieb eine Schriftstellerin, die lieber den Preis der Einsamkeit zahlte, als ihre Stimme an Macht, Ideologie oder Opportunismus zu verleihen.

Parsipurs Tod erinnert daran, dass Zensur Literatur nicht einfach auslöscht. Manchmal verwandelt sie ein Buch in ein geheimes Gedächtnis. Shahrnush Parsipur hat diesem Gedächtnis eine Form gegeben. Sie schrieb über Frauen nicht als Opfer der Geschichte, sondern als Figuren der Möglichkeit. Ihre Literatur bleibt dort lebendig, wo Sprache sich weigert, gehorsam zu sein.

 

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