„Die Islamische Republik ist in der Gesellschaft verwurzelt”

Iranische Gläubige tragen am 21. März 2026 während einer Beerdigung nach einer gemeinsamen Gebetszeremonie zum Eid al-Fitr an einem heiligen Schrein im Stadtteil Shahr-e Rey im Süden Teherans, Iran, einen Sarg mit den sterblichen Überresten des Generals Sadegh Zakeri-Kia vom Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC).
Teheran, Iran: Regime-Anhänger tragen einen General der Revolutionsgarde zu Grabe (Foto: picture alliance / NurPhoto | M. Nikoubazl)

Ob Appeasement oder planloser Krieg: Laut Islamwissenschaftler Ralph Ghadban macht der Westen beim Iran immer wieder denselben Fehler. Man verkenne die radikal-schiitische Ideologie, auf der das Regime aufbaue.

Interview von Teseo La Marca

Als Ali Khamenei, Irans langjähriger Diktator, Ende Februar durch israelische Luftschläge getötet wurde, haben sich viele Iraner gefreut. Doch das Regime hält sich. Hat sie das überrascht? 

Nein. Ich habe schon am Tag nach Khameneis Tod in einem Interview gesagt: Das Regime wird dadurch nicht stürzen. Es wird sich nicht einmal ändern. 

Warum nicht? 

Weil die Islamische Republik in der Gesellschaft verwurzelt ist. Sie besteht nicht nur aus Klerus und Revolutionswächtern, sondern auch aus der Basidsch, einer militanten Freiwilligenorganisation. 

Beobachter gehen davon aus, dass nicht einmal 20 Prozent der iranischen Gesellschaft das Regime unterstützen. 

Für eine Militärdiktatur ist das noch ein enormer Rückhalt. Der Schah hat einen solchen Rückhalt nie gehabt, die Armee hat ihn 1979 im Stich gelassen. Für eine Militärdiktatur geht es nicht darum, Sympathien in der Bevölkerung zu haben, sondern sich auf einen ausreichend großen Anteil der Bevölkerung verlassen zu können, der bereit ist, zu sterben oder gar zu töten, um das System zu schützen. Die Basidsch hat bis zu zwölf Millionen Mitglieder. 

Die meisten davon sind nur auf dem Papier dabei, um an staatliche Vorteile zu kommen: bessere Ausbildung, erleichterten Militärdienst.  

Rund eine Million Iraner sind aktive, militante Basidschi. Das sind keine Opportunisten. 

Ralph Rhadban, Autor von "Im Netz der Mullahs", im Portrait.
Autor und Publizist

Ralph Ghadban, geboren 1949 im Libanon, lebt seit 1972 in Deutschland. Er hat Philosophie in Beirut und Islam- und Politikwissenschaft in Berlin studiert. Zuletzt erschienen ist sein Buch über den Iran „Das Netz der Mullahs“ im Herder-Verlag.

Staatschef soll laut der Verfassung von 1979 ein hochrangiger Geistlicher sein. Er soll gemäß dem Prinzip der „Velayat-e Faqih“, der Herrschaft des Rechtsgelehrten, als Statthalter des verborgenen Imam Muhammad al-Mahdi regieren. Sie sprechen beim Iran aber von einer Militärdiktatur, nicht von einer Theokratie. Warum?  

Der Klerus ist schon lange nur noch die Fassade der Islamischen Republik. Die wahren Machthaber sind die Revolutionswächter.  

Eine paramilitärische Truppe, die mit dem Ziel gegründet wurde, die Islamische Republik vor äußeren und inneren Feinden schützen.  

Das war 1979, kurz nach der Revolution. Der nächste Schritt zur Militärdiktatur kam 1988 mit einer Fatwa des Revolutionsführers Ruhollah Khomeini. Er sagte: Um die Islamische Republik zu erhalten, darf man sogar islamische Grundsätze außer Kraft setzen. Man darf Pilgerfahrten verbieten, Moscheen schließen. Klarer geht es nicht.  

Im Jahr darauf schloss sein Nachfolger, Ali Khamenei, ein noch engeres Bündnis mit den Revolutionswächtern. Mit ihrer Hilfe hat er die gesamte Geistlichkeit auf Kurs gebracht. Je stärker Khamenei auf den Schutz der Revolutionswächter angewiesen war, desto mehr Privilegien und Einfluss bekamen sie. 

Die jüngste Ernennung von Ali Khameneis Sohn zum neuen Obersten Führer sehen nun viele als endgültige Machtergreifung der Revolutionswächter. 

Mit Mojtaba Khamenei ist der Schleier gefallen. Sie nennen ihn einen Ajatollah, aber in Wirklichkeit ist er nicht einmal ein „Mujtahed“, also ein Geistlicher mittleren Ranges. Er hat hervorragende Beziehungen zu den Revolutionswächtern und dem Sicherheitsapparat. Das ist alles, was zählt. Die Politik hat ein klares Primat vor der Religion. Aber das ist im schiitischen Islam kein Novum. 

Wie meinen Sie das? 

In der Religionswissenschaft wird diskutiert, ob eine Religion eine politische Bewegung erzeugt hat, oder ob es eine politische Bewegung war, die die Religion erzeugt hat. Bei den Schiiten ist der Fall klar: Sie haben sich infolge eines politischen Nachfolgestreits vom Rest der Muslime abgespalten.  

Es ging damals im 7. Jahrhundert nach Christus um die Frage, wer als Kalif die Ummah, die Gemeinschaft der Muslime, anführen darf. 

Während die Sunniten in Abu Bakr einen geeigneten Kandidaten auswählten, beharrten die Schiiten auf Ali, dem Cousin Mohammads. Sie akzeptierten nur Männer aus der Blutlinie des Propheten als Herrscher, die sogenannten Imame. Und dann kam das Drama.   

Die Schlacht von Kerbela? 

Sie ist der große schiitische Mythos. Yazid, der zweite Kalif der Umayyaden-Dynastie, verlangte von Hossein, einem Enkel Mohammeds, einen Treueschwur. Doch Hossein weigerte sich. Er machte sich auf den Weg nach Kufa im heutigen Irak, wo ihm Unterstützung versprochen wurde. Doch in Kerbela stand er den überlegenen Truppen Yazids gegenüber. Sie haben ihn einfach abgeschlachtet. Doch für die Schiiten steht sein Tod für den heldenhaften Kampf in einer aussichtslosen Lage, für absolute Opferbereitschaft und Widerstand. An Aschura gedenken Millionen Schiiten seines Todes. 

Ali Larijani, der inzwischen getötete einflussreiche Politiker, richtete sich vor kurzem auf X an Donald Trump: „Die Aschura-liebende Nation des Iran fürchtet deine Papier-Drohungen nicht.“ 

Aschura ist bis heute der Kern des Schiismus. Durch diese Erzählungen findet die Mobilisierung statt. 

Viele westliche Politiker, auch Trump, scheinen gehofft zu haben, dass die Militärs pragmatischer sind als der Klerus – und möglicherweise bereit zu Kompromissen. 

Man unterschätzt, welche Rolle Ideologie und Religion für die Revolutionswächter spielen. Der schiitische Glaube ist, im Vergleich zu den Sunniten, viel emotionaler. Das ist zugleich ihre größte Waffe. Deshalb halte ich den schiitischen Islamismus für gefährlicher als den sunnitischen. Durch seine Emotionalität ist es einfacher, Leute zu mobilisieren. Wenn morgen aus Teheran ein Befehl käme, in Deutschland Attentate durchzuführen, dann würden die Regimeanhänger das sofort machen – die Anschläge des IS würden dagegen verblassen. 

Sie sagten, Religion sei im Iran zu Machtzwecken angepasst worden. Doch wie man jetzt sieht, ist die Ideologie des Regimes gleichzeitig äußerst starr, oder? 

Sie beruht auf zwei Elementen. Das erste ist die Liebe zum Tod. Schon unter Khomeini sollte der Tod sollte nicht mehr gefürchtet, sondern regelrecht erwünscht sein. 

Durch das, was man Märtyrerkult nennt? 

Genau. Das Regime beruft sich dabei auf Imam Hossein und seinen Märtyrertod im Kampf gegen Yazid. Der Verdienst, als Märtyrer ins Paradies zu kommen, ist im schiitischen Glauben um ein Vielfaches wertvoller als das Leben selbst. Soweit die schiitische Tradition. Der moderne Märtyrerkult in der Islamischen Republik stammt aber eigentlich von den Muslimbrüdern in Ägypten: Es geht nicht mehr nur um Selbstaufopferung, sondern um den Märtyrertod in den Diensten eines islamistischen Staatsmodells und im Kampf gegen imperialistische Mächte. 

Und das zweite Element? 

Das ist der Hass gegen ebendiese Mächte: die USA und Israel. Wenn die Revolutionswächter von diesen beiden Elementen – dem radikalen Schiismus und dem Antiimperialismus – abweichen, haben sie für ihre Basis keine Existenzberechtigung mehr. Sie können deshalb keine Kompromisse eingehen, sie müssen weiter Härte zeigen. Jetzt, wo sie angegriffen werden, noch mehr als zuvor. 

Aber das ist doch gar nicht in ihrem Interesse. 

Das spielt keine Rolle. Ihr Einfluss entsteht in erster Linie durch ihre Ideologie, nicht, weil sie Arbeitgeber sind. Die Nationalsozialisten haben in Deutschland auch bis zum Tod gekämpft – warum? 

Verkennt der Westen den religiös-ideologischen Charakter des Regimes? 

Natürlich. Der Westen ist auf diesem Gebiet völlig ignorant. Es gibt kaum Bücher, kaum Berichte über den schiitischen Islamismus.  

Lange war die Hoffnung da, man könne das System der Islamischen Republik aus dem Inneren heraus reformieren. 

Ich habe nie daran geglaubt, weil ich die Hisbollah im Libanon sehe. Die Hisbollah ist die Islamische Republik im Libanon. Sie ist die Revolutionsgarde im Libanon. Und Sie sehen, was die Hisbollah mit dem Libanon gemacht hat: Oppositionelle haben sie einfach umgebracht. Sie sind bereit, für ihre Ideologie in den Tod zu gehen. Aber sie reißen das ganze Land mit. 

Gibt es aus der schiitischen Tradition heraus keine Alternative? 

Doch. Eine religiöse begründete Alternative wäre eine sogenannte „Velayat-e al-Ummah”. Nicht ein Rechtsgelehrter übernimmt die Herrschaft bis zur Rückkehr des Mahdi, sondern die muslimische Gemeinschaft als Kollektiv, als Volkssouverän. Das wäre eine schiitisch begründete Demokratie. Die Verfassung der Islamischen Republik mit ihrer „Velayat-e Faqih“ ist aber auf dem Gegenteil begründet, der totalitären Herrschaft eines einzelnen Rechtsgelehrten. Deshalb ist eine grundlegende Reform des Regimes illusorisch. 

Was ist stattdessen der Ausweg?  

Die Achillesverse des Regimes ist die Wirtschaft. Die Proteste im Januar haben im Basar begonnen, da, wo das Regime traditionell seine Basis hatte. Mit den Öleinnahmen finanziert es außerdem seinen Repressionsapparat. Wenn der Iran-Krieg aufhört, aber das Embargo bleibt, würde das zum inneren Zerfall führen. Die Basis des Regimes würde weiter erodieren und die Fähigkeit, Proteste niederzuschlagen, würde weiter abnehmen. Das ist für mich die größte Hoffnung.  

 

© Qantara.de