„Man wird als Antisemit und Hamas-Freund diffamiert”
Nach 22 Jahren ist es vorbei: Am 30. Juni hatte Karim El-Gawhary seinen letzten Arbeitstag als Nahost-Korrespondent des österreichischen ORF. Was der öffentlich-rechtliche Sender offiziell mit einem Generationenwechsel begründete, sorgte für zahlreiche Spekulationen, El-Gawhary wäre wegen seiner israelkritischen Haltung abgesetzt worden. Im medialen Minenfeld Gazakrieg stand er im Dauerfeuer seiner Kritiker. Im Interview spricht der 62-Jährige über Diffamierungen, seine Podcast-Pläne und die „Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung”.
Wie geht es Ihnen damit, dass Ihr Vertrag beim ORF nach 22 Jahren nicht mehr verlängert wurde und jetzt Schluss ist?
Karim El-Gawhary: Es kam für mich sehr überraschend und aus heiterem Himmel, als mir im November 2025 verkündet wurde, dass mein Vertrag nach 22 Jahren nicht verlängert wird. Ich war vor den Kopf gestoßen und habe mich gewundert, warum der ORF auf eine mehr als 35-jährige Nahost-Korrespondentenexpertise verzichten möchte. Ich habe dann aber schnell beschlossen, dass es Quatsch ist, zurückzublicken und wollte nach vorn schauen. Und ich habe meine Energie dahingehend investiert, mich wieder einmal in meinem Leben neu zu erfinden.
Welchen Grund hat Ihnen der ORF genannt, dass Ihr Vertrag nicht verlängert wird?
Na ja, die gleichen, die er öffentlich genannt hat: Generationenwechsel. Zwischendurch war auch von Sparmaßnahmen die Rede, aber Generationenwechsel war die offizielle Begründung.
Inoffiziell wird gemutmaßt, dass die ÖVP (Regierungspartei in Österreich, d. Red.) aufgrund Ihrer israelkritischen Haltung hinter der Absetzung steht. Und Roland Weißmann, der damals noch ORF-Chef war und vor seiner Wiederwahl stand, hätte ihr diesen Wunsch erfüllt.
Das hat man mir gegenüber so nie zum Ausdruck gebracht, aber das war natürlich sofort in der öffentlichen Diskussion. Dem Ganzen geht eine Geschichte voraus. Meine Gaza-Berichterstattung hat – gerade in sozialen Medien – immer wieder Angriffe gegen mich ausgelöst. Es wurde immer wieder gefordert, dass ich beim ORF gefeuert werde. Vor diesem Hintergrund wurde die Nichtverlängerung so in der Öffentlichkeit gelesen.
Es ist davon auszugehen, dass Druck im Hintergrund für die Absetzung ausschlaggebend war?
Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht und irgendwann war mir das auch egal. Viel wichtiger für mich war, was danach passiert ist. Dass es in der Öffentlichkeit eine unglaubliche Welle der Wertschätzung gab. Ich habe tausende Mails und Kommentare bekommen. Das war überwältigend. Es gab eine Unterschriftensammlung mit 21.000 Leuten, dass ich beim ORF bleiben soll. Für mich war das die Bestätigung meiner Arbeit. Diese Wertschätzung war viel größer als jede Personalentscheidung des ORF. Das hat mir geholfen, nach vorn zu schauen.
Und Sie haben die Wertschätzung in den Podcast „Nahost. Nah dran” transformiert?
Ich wollte eine Stimme in der Öffentlichkeit bleiben. Ich werde weiter für andere Medien arbeiten, habe mich aber vor allem darauf konzentriert, einen Podcast aufzuziehen. Das läuft seit einem Monat – und das sehr gut. Ich hoffe, dass ich da in den nächsten Monaten und Jahren meine Energie hineinstecken kann. Es ist wunderbar, weil ich das machen kann, was ich machen möchte, und ich es mir nicht absegnen lassen muss.
Ein Mehr an journalistischer Freiheit?
Vor drei Wochen habe ich mit einem möglichen Interviewgast für meinen Podcast telefoniert. Am Ende der Unterhaltung habe ich gesagt: Ich muss erst einmal schauen, ob ich diese Geschichte unterbringe. Also, ein klassischer 22-jähriger ORF-Reflex (lacht). Dann habe ich gesagt: Was rede ich für einen Blödsinn. Ich entscheide darüber. Ich wurde von mehreren Medien gefragt, ob ich unter ihrer Schirmherrschaft einen Podcast machen möchte, habe das aber abgelehnt, weil ich mein eigenes Ding machen will. Ohne dass mir irgendjemand reinredet, mit wem und worüber ich spreche.
Nach 35 Jahren als Korrespondent?
Der Medienkonsum der Menschen ändert sich. Sie suchen nach Namen, die sie glaubwürdig finden und von denen sie erwarten, dass sie diesen Wust an Informationen einordnen können. Ich habe meine Gefolgschaft in sozialen Medien gefragt, was sie von dem Podcast erwarten. Das sind einerseits interessante Gesprächspartner und andererseits meine Analysen zu Nahost. Das ist wesentlich mehr Arbeit, als ich gedacht habe (lacht). Der Podcast ist das Gegenstück unserer Schnelllebigkeit, und wenn das Gespräch gut ist, kann es ruhig auch einmal eineinhalb Stunden dauern.
Dieses Format liegt Ihnen?
Was mich immer geärgert hat: Du bist im ORF bei der „ZiB” geschaltet und dann heißt es: Karim, erkläre mir den Nahen Osten in einer Minute und 30 Sekunden. Der Podcast ist das Gegenprogramm dazu, hier möchte ich meine Kapazitäten investieren. Das passt zu mir und in die Medienlandschaft.
Journalistische Freiheit ist schön und gut, aber lässt sich Ihr Podcast monetarisieren?
Das können Sie mich dann in einem Jahr fragen (lacht). Bis jetzt läuft es gut. Natürlich stellt sich die Frage, ob ich davon leben kann. Letztlich wird es eine Mischung aus Vorträgen und Podcasts, das bedingt sich gegenseitig. Für mich ist es wichtig, eine Stimme zu Nahost zu bleiben. Meine Kinder haben ihre Ausbildungen absolviert, ich muss jetzt nicht mehr groß Geld sparen und mit dem Podcast reich werden. Mindestens genauso wichtig wie die Frage nach dem Geld ist für mich die journalistische Verwirklichung.
Werden Sie für den ORF weiter als freier Journalist arbeiten?
Die Abmachung ist, dass ich weiterhin als Freier für den ORF arbeiten kann. Für die Sendung „Weltweit” ist zum Beispiel eine Geschichte über den Irak geplant. Es werden aber nur vereinzelte Projekte sein. Ich bin nicht mehr der Korrespondent des ORF und weg aus diesem Hamsterrad.
Weil Sie gemeint haben, Sie müssen jetzt mit niemandem mehr darum ringen, Geschichten unterzubringen. Gab es öfter inhaltliche oder ideologische Probleme mit dem ORF?
Es gab immer Diskussionen – vor allem bei dem Thema Israel und Palästina. Ich versuche, meinen Journalismus immer nahe an den Menschen zu machen und zu zeigen, wie es ihnen in bestimmten Situationen geht. Ich habe viele Preise gewonnen und das Goldene Ehrenzeichen der Republik erhalten. Und das immer mit dem Argument, ich sei nahe an den Menschen dran. Das zweite Argument war die Rolle des Brückenbauers zwischen meiner Region und Österreich.
Wenn ich solche Geschichten zum Beispiel in Syrien mache, nachdem Bashar Al-Assad gestürzt ist, finden das alle gut. Wenn man das mit Palästinensern macht, die in manchen Kreisen komplett entmenschlicht sind, und ihnen im Gazastreifen Namen und Gesichter gibt, dann wird man dafür kritisiert, wofür man an anderen Orten gelobt wird. Das ist manchmal absurd.
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Wurden Ihnen Geschichten vom ORF abgedreht?
Nein, es gab immer wieder Diskussionen, aber ich lasse mich nicht einfach abdrehen. Klar, in den vergangenen zweieinhalb Jahren war das mit dem Gazakrieg schwierig. Das ist ein derartig polarisierendes Thema und trotzdem finde ich es wichtig, dass die Menschen als Menschen vorkommen. Und dass das Publikum erfährt, wie es den Leuten im Gazastreifen geht.
Das steht bei Ihnen im Vordergrund?
Ja, wie war es, wenn zum Beispiel bei den israelisch-amerikanischen Essensausgaben Leute beim Versuch, Nahrung zu organisieren, erschossen werden? Der Sohn einer Familie wurde getötet, danach musste der zweite Sohn statt ihm Essen holen. Dann reden wir mit der Mutter, wie es ihr geht, wenn sie einen Sohn verloren hat und der zweite Sohn losmuss, um Essen zu organisieren, und sie nicht weiß, ob er überhaupt wieder nach Hause kommt. Und sie tausend Tode stirbt in ihrem Zelt. Das waren für mich gute und wichtige Geschichten aus dem Gazastreifen. Ob im Gazastreifen, Irak oder Libanon: Ich würde immer versuchen, solche Geschichten zu machen.
Spiegelt das Ihr journalistisches Credo wider?
Das Credo ist, die Menschen nicht zu Objekten ihrer Geschichte zu machen, sondern zu Subjekten. Nicht über sie zu reden, sondern mit ihnen zu reden. Sie ihre eigenen Geschichten erzählen zu lassen. Wenn sich dann in Österreich jemand in seinem Fernsehsessel zurücklehnt und denkt: Mein Gott, was würde ich als Mutter denken, wenn mein zweiter Sohn in Gefahr ist, nachdem mein erster getötet wurde? Wenn sich jemand diese Frage stellt, dann habe ich eine gute Geschichte gemacht. Das muss erzählt werden. Ob das im Gazastreifen stattfindet oder sonst wo. Mein Gradmesser ist nicht, welchem Druck ich ausgesetzt bin und ob es Shitstorms auf Social Media gibt. Mein Gradmesser ist, ob ich mich morgens im Spiegel anschauen kann und mich frage: Habe ich richtig und gut gearbeitet oder nicht?
Haben Sie sich aufgrund der Angriffe ein dickes Fell zugelegt?
Ja, bei den ersten Shitstorms habe ich noch schlaflose Nächte gehabt. Das sind dann immer organisierte Kampagnen gewesen. Seit der ORF angekündigt hat, dass mein Vertrag nicht verlängert wird, sind diese Kampagnen auf Social Media vorbei. Man hat das Ziel erreicht.
War das so konzertiert gegen Sie gerichtet?
Ja, das denke ich auf jeden Fall. Ich habe hunderttausende Follower und es war eine zweistellige Zahl von Leuten, die sich immer wieder zu Wort gemeldet haben. Die große Wertschätzung, die dann kam, war viel größer. Wenige laut schreiende Leute können viel erreichen.
Die Attacken haben sich seit Ausbruch des Gazakriegs massiv verstärkt?
Ja, speziell mit dem Gazakrieg, aber auch davor immer beim Thema Israel und Palästina. Es wird immer das gleiche Register gezogen und man wird als Judenhasser, Antisemit und Hamas-Freund diffamiert. Nur, weil man über Menschen als Menschen berichtet. Und weil man darüber genauso kritisch berichtet wie über jeden anderen Konflikt. Meine Aufgabe als Journalist ist es, zu hinterfragen, was eine Kriegspartei, was ein Sprecher einer Armee sagt. Und nachzuschauen, ob das der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Diese Dinge sollten wir als Journalisten immer machen, sie wurden aber im Falle Israels zumindest am Anfang oft über Bord geworfen.
Wann zum Beispiel?
Wenn dann gesagt wird: Ja, da gibt es jetzt eine Geschichte mit palästinensischen Massengräbern im Gazastreifen. Es gab Augenzeugen und Bilder. Und wenn es dann heißt: Na, wir müssen erst einmal schauen, ob die israelische Armee die Massengräber bestätigt. Wenn ich mir das vorstelle: Wir haben in Butscha in der Ukraine Massengräber und Medien warten darauf, dass die russische Armee ihr eigenes Kriegsverbrechen bestätigt. So funktioniert manchmal bei uns die Nahost-Berichterstattung.
Waren das immer anonyme Angriffe oder wurden Sie auch von der israelischen Regierungsseite attackiert – wie etwa Sophie von der Tann, die ARD-Korrespondentin in Israel?
Ich weiß nicht mehr, ob sich der israelische Botschafter auch zu Wort gemeldet hat, aber es waren jedenfalls keine anonymen Attacken, sondern sie sind mit vollem Namen erfolgt. Sophie von der Tann ist genau für eine solche Berichterstattung angeschossen worden. Und es war der Sender, der sich hinter sie gestellt hat.
Die ARD. Diese Rückendeckung hatten Sie vom ORF nicht?
Das haben jetzt Sie gesagt. Es gab in Deutschland zahlreiche Journalistinnen und Journalisten mit arabischen Namen, die ihre Jobs verloren hatten. Das war auffällig. Beim Namen Sophie von der Tann wird es dann schon schwieriger. Mir kann man immer meinen Namen vorwerfen und sagen: Eh klar, der steht auf der Seite der Palästinenser. Ich bin froh, dass sie weitermacht und die ARD eine klare Linie gezogen hat. Das ist wichtig für alle, die zu diesem Thema arbeiten. Dass das am Ende eine Bio-Deutsche ist, bei der diese Linie gezogen werden kann, sagt vielleicht auch was aus.
Sie haben in einem Interview gesagt, dass deutsche und österreichische Medien tendenziell mit einer pro-israelischen Schlagseite berichten. Sehen Sie sich als Korrektiv und Ausgleich?
Nein. Der ORF hat nicht alles falsch gemacht und die Idee, Dinge in einem Dreieck aus verschiedenen Perspektiven zu berichten, ist gut. Jemand sitzt in Haifa oder Tel Aviv und jemand in Kairo. Das gibt für die Zuseher ein gutes Gesamtbild, das näher an der Realität ist, als eine Seite auszublenden.
In Österreich leben wir auf der Insel der Seligen. Eine Mehrheit der EU-Staaten erkennt einen palästinensischen Staat an. Es gibt nur drei Länder, die sich gegen eine Suspendierung des EU-Assoziationsabkommens mit Israel stellen – Tschechien, Deutschland und Österreich. Man merkt in Österreich gar nicht, wie sehr man in den vergangenen Jahren in die Isolation geraten ist.
Es gab auch Kritik an Ihnen, als Sie zum Beispiel 2023 bei einem Live-Einstieg aus dem Libanon vor einem Israel-feindlichen Plakat postiert hatten. War das ein Fehler?
Man hat wirklich zweieinhalb Jahre verzweifelt versucht, mir etwas anzuhängen. Sie haben auf irgendeinen Fehler gewartet, den ich mache, damit sie mir den Kopf abreißen können hinterher. Sie hätten keine Sekunde gezögert, das zu tun. Und dann kommen sie mit so einem Blödsinn daher. Das war eine Live-Schalte im Südlibanon an einem israelischen Grenzzaun mit einem anti-israelischen Plakat: Ich habe diesen Standort bewusst gewählt, weil ich zeigen wollte, wie die Stimmung dort ist. Bis heute finde ich nichts Anrüchiges daran. Das ist die Realität an diesem Ort.
Mit „sie” meinen Sie generell Ihre Kritikerinnen und Kritiker?
Ja, die versucht haben, mich ständig abzuschießen und gemeint haben: Was macht der ORF noch mit dem? Den muss man loswerden, feuert ihn. Diese kleine, zweistellige Gruppe an Schreiern. Irgendetwas wollte man finden, man hat aber nichts gefunden. Das ist so billig und so konstruiert. Es zeigt, wie verzweifelt diese Versuche waren, meine Glaubwürdigkeit zu zerstören und mich zu diffamieren. Das ist alles unter der Gürtellinie. Und es geht ja nicht nur um meine Person.
Sondern?
Man hat alles diffamiert und diskreditiert, was aus dem Gazastreifen kam und was Israel nicht gepasst hat. Ob das Menschenrechtsorganisationen, die Uno, das Internationale Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen waren. Das finde ich unheimlich gefährlich. Wenn man einmal die Uno oder das Rote Kreuz diffamiert hat, dann passiert das in jedem anderen Konflikt auch. Das sind die Organisationen, die wir als Journalisten als neutrale Beobachter eines Konflikts befragt haben. Alle wurden diskreditiert, das wird Auswirkungen auf künftige Konflikte haben.
Weil das Schule macht?
Einfach einmal einen Konflikt komplett abschotten. Ich habe in den 35 Jahren so viele Kriege und Konflikte erlebt, aber der Gazakrieg war der erste, wo alle Journalisten bis heute ausgeschlossen sind. Das, in Kombination mit der Diskreditierung von allem, was aus dem Gazastreifen kommt, ist verheerend. Alle Journalisten zu diffamieren oder sie – wie im Falle der palästinensischen Journalisten – auch zu töten, setzt ein schlechtes Beispiel.
Vor eineinhalb Jahren gab es in Deutschland eine große Umfrage zur Nahost-Berichterstattung. 50 Prozent der Befragten haben gesagt, dass sie ihr Vertrauen in die Nahost-Berichterstattung in Deutschland verloren haben. Das ist eine Katastrophe. Spätestens dann hätten sich Medien überlegen müssen, ob sie alles richtig gemacht haben. Das ist aber nicht passiert.
Was haben Medien falsch gemacht?
Die jüngeren Menschen schauen sich in den sozialen Medien an, was jeden Tag im Gazastreifen und im Libanon passiert. Und dann kommt das in den Abendnachrichten nicht vor. Das schauen sie sich ein paar Mal an und dann schauen sie die Abendnachrichten nicht mehr. Das ist eine gefährliche und fatale Entwicklung, mit der sich Medien selbst ins Knie schießen.
Die Medien sind nicht mehr die einzigen Gatekeeper und wenn eine derartige Diskrepanz zwischen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung vorhanden ist, dann ist das ein großes Problem. Nicht nur für die Medien, sondern für die Gesellschaft. Vertrauen ist die einzige Währung, die Medien wirklich haben. Das ist ihr Elixier.
Inkludiert Ihre Kritik auch Österreichs Medienlandschaft?
In Österreich ist das genau das gleiche wie in Deutschland. Man hätte vermutlich ähnliche Ergebnisse bei einer Umfrage.
Für Medien ist es schwierig, weil sie nicht aus dem Gazastreifen berichten können. Und sich auf soziale Medien als Quellen zu verlassen, ist problematisch.
Es geht nicht anders, als es über die Bande zu spielen. Ich kann nicht sagen: Weil ich nicht in den Gazastreifen komme, berichte ich nicht darüber, obwohl dort eines der größten Kriegsverbrechen der letzten Jahre stattfindet. Die Finger davon zu lassen, kann nicht die richtige Schlussfolgerung sein.
Wir hatten einen Kameramann im Gazastreifen, dem wir gesagt haben, welche Geschichten wir haben wollen. Zum Beispiel diese Geschichte über die Essensausgabe mit der Mutter und ihren Söhnen. Er hat uns zwei Familien gesucht und wir haben uns für eine entschieden. Wir haben ihm gesagt, welche Fragen er stellen soll. So ist die Geschichte entstanden. Die Alternative wäre gewesen, nichts zu machen, aber das ist genau das, was eine Kriegspartei möchte.
Dass alle Angst haben, etwas falsch zu machen und dass keiner mehr berichtet. Das kann nicht unser Anspruch als Journalist sein. Unser Weg ist nicht, mit der israelischen Armee eine Stunde durch den Gazastreifen zu fahren und keinen einzigen Palästinenser zu treffen. Das ist kein Journalismus.
Haben sich viele Medien diese Mühe nicht gemacht?
Entweder das oder es kommt die Kritik, dass der Cousin vom Produzenten bei der Hamas ist oder so in der Art. Wir können keine Sicherheitschecks über Personen machen. Die Frage ist, ob er meine Fragen stellt und die Geschichte so macht, wie ich sie verlange. Viele Informationen über Personen werden von der israelischen Armee ungeprüft übernommen. Das ist dann die Wahrheit? Ein Journalist sollte da zumindest noch einmal nachfragen. Alles, was von der israelischen Armee kommt, wird ohne Nachfrage abgedruckt, und alles von palästinensischer Seite wird komplett diskreditiert und in den Konjunktiv gesetzt. Das ist absurd. Sprache ist da ganz wichtig.
Inwiefern?
Immer wenn Palästinenser etwas machen, ist das im Aktiv. Aber wenn Palästinenser getötet werden, kommt es ins Passiv. Von wem getötet? Ist das eine Naturkatastrophe, die wir im Gazastreifen erleben? Das ist faszinierend, wie Sprache verwendet wird.
Dieses Interview ist zuerst am 4. Juli 2026 in der österreichischen Zeitung Der Standard erschienen.
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