Vielfalt statt Nationalismus

The White Tower – landmark of the city of Thessaloniki in Greece
Der Weiße Turm, eines der Wahrzeichen der Stadt Thessaloniki in Griechenland: Die meisten levantinischen Städte prosperierten, weil sie heterogen waren. Diese Vielfalt ging allerdings verloren, als der Nationalismus mehr und mehr zu einheitlichen Identitäten in den Staaten des Mittelmeerraums führte. (Foto: dpa)

Vor dem Hintergrund wachsender regionaler und globaler Probleme bietet die kosmopolitische Vergangenheit der Städte im östlichen Mittelmeerraum mögliche Ansätze, um die Probleme zu überwinden.

Essay von Michael Young

Vor zehn Jahren, nachdem ich mein bisher einziges Buch veröffentlicht hatte, kam mir die Idee für eine interessante Fortsetzung. Ich wollte eine mehrmonatige Reise von Beirut über Nikosia, Izmir, Thessaloniki, Mostar und Sarajevo nach Wien unternehmen und über die Beziehungen zwischen den dortigen Gemeinschaften schreiben – vor allem, aber nicht nur, zwischen Christen und Muslimen. Wien als Endpunkt erschien mir deshalb sinnvoll, weil dort 1683 der Vormarsch des Osmanischen Reiches endete. 

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon, wie das Buch enden sollte. Das wollte ich den Ergebnissen meiner Entdeckungsreise überlassen. Letztendlich konnte ich diese Idee nicht weiterverfolgen. Dennoch habe ich die meisten der genannten Städte besucht und hatte danach das unbestimmte Gefühl, dass diese Städte mit der zunehmenden Monochromie des 20. Jahrhunderts etwas von ihrem ursprünglichen Charakter verloren haben. 

Was wäre zum Beispiel Thessaloniki ohne seine Muslime oder Juden? Einst stellten die Juden mit rund 46.000 Menschen die Bevölkerungsmehrheit in der Stadt. 1943 wurden sie bis auf etwa 2.000 Überlebende von den Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Was ist der türkisch besetzte Nordteil von Nikosia (Lefkoşa) ohne die Griechen?

Als ich 1993 diesen Teil der Stadt besuchte, fühlte ich mich wie auf einer beklemmenden Zeitreise in die Vergangenheit. Der nördliche Teil der Stadt schien im Jahr 1974, dem Jahr der türkischen Besetzung, stehen geblieben zu sein. Im einst pulsierenden Geschäftsviertel waren die flanierenden türkischen Soldaten nun die Hauptkunden. 

Lebendig weil heterogen

Wer je über die Städte der Levante geschrieben hat – jene Städte im östlichen Mittelmeerraum, die sich einst durch eine spannende Vielfalt von Völkern, Sprachen und Kulturen auszeichneten – ist zu einem ähnlichen Schluss gekommen. 

Viele dieser Städte waren lebendig und wohlhabend, weil sie heterogen waren. Mit dem Aufkommen des Nationalismus verloren sie ihre Besonderheiten. Dominante Identitäten und eine gewisse Uniformität begannen sich durchzusetzen. Aber Nationalismus ist nicht immer destruktiv, wie Beirut zeigt. Weil der libanesische Nationalismus seit jeher eine weitgehend chaotische Angelegenheit ist, hat sich die Stadt vielleicht viele der pluralistischen Eigenschaften bewahrt, die ihr in einer etwas idealisierten Vergangenheit zugeschrieben wurden. 

In seinem 2011 erschienenen Buch mit dem Titel Levant: Splendour and Catastrophe on the Mediterranean (dt. Glanz und Katastrophe am Mittelmeer) untersuchte der britische Historiker Philip Mansel drei Städte, die von der Koexistenz der Kulturen und Religionen profitiert hatten: Smyrna (das heutige Izmir), Alexandria und Beirut. Mansel beklagte, dass sie alle ihren kosmopolitischen Glanz verloren hätten. Allerdings kommt Beirut in dieser Darstellung etwas zu kurz, da Mansel nicht auf die bleibenden Widersprüche der Stadt eingeht. 

Für Mansel lag das Wesen der levantinischen Städte in ihrer "Vielfalt und Flexibilität", die es ermöglichten, "den Fesseln von Nationalität und Religion zu entkommen". Er beobachtete, dass "in diesen Städten zwischen den Welten die Menschen ihre Identität ebenso leicht wechselten wie ihre Sprache". Er wollte wissen, ob die levantinischen Städte „Weltstädte vor der Globalisierung“ waren und ob sie "wirklich kosmopolitisch waren und das Zaubermittel für das Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden besaßen, nach dem sich die Welt sehnt". Mansels Buch ist zwar etwas unausgewogen, aber es stellt die richtigen Fragen. 

Als Mansel die Geschichte seiner drei levantinischen Städte betrachtete, konnte er nicht übersehen, dass der Antagonismus zwischen den Gemeinschaften ein integraler Bestandteil ihrer DNA war. Die levantinischen Städte florierten auch deshalb, weil die vom Osmanischen Reich eingeführten Systeme Vielfalt zuließen und weil es eine letzte Autorität gab, die die Ordnung durchsetzte.

Das Millet-System – die religiös definierte Rechtsordnung – gewährte den einzelnen Religionsgemeinschaften eine weitgehende Autonomie in ihren Angelegenheiten. Auch wenn die Osmanen manchmal Schwierigkeiten hatten, ihre Macht durchzusetzen, konnten sie unerbittlich sein, wenn sie es wollten – wie nach den Massakern an Christen in Damaskus 1860. 

Nationalismus löst die Probleme nicht

Was also ist die Botschaft? Sollen wir das Wesen der levantinischen Städte als ein Ideal betrachten, dem wir nacheifern wollen, oder sollen wir erkennen, dass die damaligen Zustände nur den Besonderheiten der osmanischen Herrschaft geschuldet waren? In meiner Rezension von Mansels Buch habe ich die Quadratur des Kreises versucht, indem ich – vielleicht etwas paradox – argumentiert habe, dass die drei Städte, um die es hier geht, vielleicht gerade deshalb so lebendig waren, weil sie wie unmögliche Orte wirkten, die ständig am Rande des Abgrunds schwebten, und dass dieses ständige Ringen um das Gleichgewicht wie ein "flüchtiges Narkotikum“ wirkte. 

Neben der anregenden Symbolik zeigt der Blick auf diese Orte aber auch die Grenzen des Nationalismus in einer Zeit, die nach seiner Überwindung ruft. Regionale und globale Probleme haben solche Ausmaße angenommen, dass die selbstbezogene, nach innen gerichtete Dynamik, die der Nationalismus auslöst, nicht mehr geeignet ist, diese Probleme zu lösen. Der Klimawandel ist ein gutes Beispiel dafür, aber auch illegale Migration, große Bevölkerungsbewegungen und globale Wirtschaftskrisen. 

Aber es geht hier nicht um den Multilateralismus, mit dem die Staaten normalerweise versuchen, viele ihrer Probleme in den Griff zu bekommen. Denn der Multilateralismus beruht auf einem im Kern nationalistischen Konzept, da die Staaten aus der Perspektive ihrer nationalen Interessen miteinander verhandeln.

So lehnten beispielsweise einige Staaten das Pariser Klimaabkommen von 2015 zur Begrenzung der globalen Erwärmung trotz aller Vor- und Nachteile ab, weil sie wirtschaftliche Einbußen befürchteten, die zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung oder Schlimmerem führen könnten. 

Eine tiefer gehende Frage ist vielmehr, ob die Nationalstaaten heute noch die Rolle spielen, die ihnen zugedacht ist. Für Menschen in der entwickelten Welt, in der das Staatensystem nach wie vor den Rahmen für die internationalen Beziehungen bildet, mag dies eine seltsame Frage sein. Aber in weiten Teilen des Nahen Ostens sowie in großen Teilen Afrikas und Asiens sind immer mehr Staaten chronisch dysfunktional, wenn sie nicht gar zerfallen. Vielerorts haben nichtstaatliche Akteure die von den Staaten hinterlassenen Leerstellen besetzt und ein Geflecht aus Korruption und Kriminalität geschaffen, das es den Staaten unmöglich macht, auch nur Minimalziele zu erreichen. 

Neue Wege in die Zukunft

Es lohnt sich daher zu fragen, ob das levantinische Ideal, obwohl es Umgebungen für widersprüchliche Identitäten geschaffen hat, ein Weg zu postnationalistischen Handlungsweisen sein kann, insbesondere in Teilen des Nahen Ostens. 

Mit anderen Worten: Bietet es einen Weg zur Erneuerung? Manche mögen darin einen Versuch sehen, zu den "Ismen“ der Vergangenheit zurückzukehren – Panarabismus, Pansyrianismus, Kommunismus. Das würde einen Sturm der Entrüstung auslösen, nicht zuletzt, weil viele dieser Ideologien und ihre Verfechter totalitäre Absichten verfolgten und im arabischen Kontext weitgehend diskreditiert sind. 

Das Problem ist, dass es um das nationalstaatliche System in der Region nicht unbedingt besser bestellt ist. In Syrien, dem Libanon, dem Irak, dem Jemen, dem Sudan und Libyen wurde der Nationalismus durch andere Identitätsformen, wie Konfession, Stamm oder Region, entwertet und zurückgedrängt. Das Ergebnis sind Staaten, die sich in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls befinden. Nur die ölreichen Golfstaaten sowie Marokko, Ägypten und in geringerem Maße auch Tunesien bilden Ausnahmen in diesem trostlosen Zerfallsprozess. 

Man könnte sich fragen, wie sich zerfallende Staaten überhaupt auf breitere postnationalistische Regierungsstrukturen einigen können? Ich behaupte nicht, darauf eine Antwort zu haben. Ohne funktionierende Staaten und ohne den Willen der Gemeinschaften, in ihnen zusammenzuleben, müssen wir in unserer Region vielleicht bald über andere Bezugsrahmen nachdenken. 

Vielleicht werden wir uns auf größere Einheiten zubewegen, die eine Reihe bestehender Staaten zusammenfassen, denn eine engere Zusammenarbeit könnte die einzige Möglichkeit für die Menschen sein, die enormen Herausforderungen zu bewältigen, mit denen die Menschen in den kommenden Jahrzehnten unweigerlich konfrontiert sein werden. 

Die levantinischen Städte der Vergangenheit bieten weniger Lösungen an. Sie zeigen vielmehr Wege auf, wie wir uns in eine vorteilhafte Richtung bewegen können. Wenn vielfältige Gemeinschaften jahrhundertelang zusammenleben und davon profitieren konnten, wäre es dann nicht sinnvoll, über neue Einheiten nachzudenken, die von einer ähnlichen Vielfalt profitieren könnten? 

In seinem Buch Salonica, City of Ghosts erzählt der britische Historiker Mark Mazower die Geschichte eines Juden aus Thessaloniki, der 1916 nach Frankreich emigrierte und bei seiner Ankunft nach seiner Nationalität gefragt wurde. "Thessaloniker“, antwortete er. Der Nationalstaat ist nicht unbedingt das einzige Konstrukt, mit dem sich die Menschen identifizieren. Die levantinischen Städte sind ein guter Ausgangspunkt für neue Überlegungen. 

Michael Young

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Übersetzt aus dem Englischen von Gaby Lammers