Maßgeschneidert für westliche Kritiker

Ein Mann in einem schwarzen Anzug und mit Sonnenbrille hält eine Auszeichnung und eine Urkunde in den Händen.
Der iranische Regisseur Jafar Panahi gewinnt am 24. Mai 2025 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme für „It Was Just an Accident“. (Foto: Picture Alliance/Invision/AP | S. A. Garfitt)

Seit Jahrzehnten feiern Regisseure wie Abbas Kiarostami und Jafar Panahi auf den renommiertesten Filmfestivals der Welt Erfolge. Doch iranische Kritiker:innen fragen: Belohnt das internationale Publikum orientalistische Erzählungen?

Von Changiz M. Varzi

Der Begriff „Festival-Kino“ wird in iranischen Medien- und Filmkreisen seit den 1980er-Jahren kontrovers diskutiert. Geprägt wurde er zunächst von Anhänger:innen des neuen Regimes, das aus der Islamischen Revolution von 1979 hervorgegangen war. Sie kritisierten mit diesem Begriff Filme, die auf internationalen Festivals Anerkennung fanden. Im Laufe der Zeit übernahmen auch andere Kritiker:innen den Begriff – darunter solche, die dem Regime ablehnend gegenüberstehen.

Jahrzehntelang wurde der Regisseur Abbas Kiarostami am häufigsten mit diesem Begriff bedacht. Sein Werk spielte nach der Revolution eine zentrale Rolle dabei, das iranische Kino international bekannt zu machen. Seinen ersten großen internationalen Erfolg feierte er mit „Wo ist das Haus meines Freundes?“ (1987), der beim Filmfestival von Locarno mit dem Bronzenen Leoparden ausgezeichnet wurde. Später gewann er für „Der Geschmack der Kirsche“ (1997) die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes.

Im Iran war die Rezeption von Kiarostamis Filmen hingegen weitaus komplizierter. Seit den 1990er-Jahren wurden seine Filme in iranischen Kinos nur sehr eingeschränkt gezeigt, denn sowohl Produktion als auch Vertrieb von Filmen unterliegt einer strengen Zensur

Auch unter den iranischen Kritiker:innen, die Zugang zu seinem Werk hatten, wurde über Kiarostamis Stellung innerhalb des iranischen Kinos gestritten. In dem auf Farsi erschienenen Buch „Paris-Teheran: Abbas Kiarostamis Kino“ argumentieren der Filmkritiker Maziar Eslami und der Essayist Morad Farhadpour, dass Kiarostamis Aufstieg nicht zuletzt vom Zufall und vom historischen Kontext seines Wirkens bestimmt war.

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Eslami und Farhadpour zufolge suchten westliche Kulturinstitutionen während der zunehmenden Globalisierung in den 1980er- und 1990er-Jahren nach neuen Persönlichkeiten aus dem Globalen Süden, um die kulturellen „Schaufenster“ im Globalen Norden zu erweitern. Kiarostamis Durchbruch, so schrieben sie, fiel mit einer Phase in den 1980er-Jahren zusammen, in der es dem Arthouse-Kino an bedeutenden internationalen Persönlichkeiten mangelte. Westliche Festivals und Kritiker:innen waren auf der Suche nach neuen Namen – und „entdeckten“ Kiarostami.

Andere Regisseure, die mit dem Begriff „Festival-Kino“ verbunden werden, sind Bahman Ghobadi, Mohammad Rasoulof, Majid Majidi, zeitweise auch Mohsen Makhmalbaf sowie Kiarostamis ehemaliger Assistent Jafar Panahi. Panahi entwickelte sich zu einer der prägenden Figuren dieser Strömung und erhielt für seinen Film „Ein einfacher Unfall“ 2025 die goldene Palme von Cannes, das sich zu einer wichtigen Plattform für das iranische Festival-Kino entwickelt hat.

Orientalistische Darstellungen

Festival-Kino ist kein eigenständiges Genre. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine breite Palette von Filmen, die Kritiker:innen zufolge vor allem für ein internationales Publikum produziert werden und im Ausland Preise gewinnen sollen – unabhängig davon, wie sie im Iran aufgenommen werden.

Vertreter:innen des Begriffs zufolge, erhalten die Filme vor allem deshalb Auszeichnungen, weil sie sich mit Themen befassen, die bei Festivaljurys besonders gefragt sind. Ihrer Ansicht nach gibt es eine Art Formel dafür, was als Festival-Kino gilt: Filmemacher, die bestimmten Mustern folgen, haben größere Chancen auf internationale Vorführungen und die Auszeichnungen ihrer Filme.

Kaveh Jalali, ein renommierter iranischer Filmkritiker in Montreal, sieht darin einen Ausdruck orientalistisch geprägter Machtverhältnisse. Der Westen hebt demnach bestimmte kulturelle Werke gezielt hervor, verallgemeinert sie und präsentiert sie als exotisch und geradezu magisch.

Jalali ordnet das Phänomen Festival-Kino in ein internationales System von Angebot und Nachfrage ein, das maßgeblich von den politischen Beziehungen zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden geprägt ist. 

„Es ist wie mit einem Kunden, der in ein Geschäft geht und kauft, was er braucht. Auch das westliche Publikum nähert sich dem iranischen Kino ausgehend von seinen eigenen Interessen und wählt Filme für seine Festivals aus“, sagte Jalali gegenüber Qantara. „Das Festival-Kino hat sich innerhalb des Iran entwickelt, um diese Nachfrage zu bedienen. Wenn sich die Interessen westlicher Kritiker:innen und des Publikums verändern, verändern sich auch die Filme entsprechend.“

Trends im Wandel

Die Entwicklungen des Festival-Kinos sind von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Iran geprägt, die das Bild des Landes bei Zuschauer:innen, Kritiker:innen und Filmschaffenden im Globalen Norden verändert haben. Ändert sich das Bild, erwartet das Publikum auch eine veränderte Darstellung auf der Leinwand.

Hamed Sarafizadeh, ein in London lebender iranischer Filmkritiker und Podcaster, erklärt, dass in den 1980er- und 1990er-Jahren sowohl das Bild Irans im eigenen Land als auch international noch stark von der Revolution von 1979 geprägt war. Filme, die eine einfache Lebensweise, Opferbereitschaft und Respekt vor Menschen in Armut darstellten, stießen damals international auf großes Interesse. Diese Themen spiegelten die Betonung von Entbehrung, Selbstaufopferung und Solidarität mit den Armen wider, die im Mittelpunkt der Revolution standen, und vermittelten dem westlichen Publikum ein bestimmtes Bild vom postrevolutionären Iran.

Zugleich boten diese Filme einen seltenen Einblick in eine Gesellschaft, die zum Gegenstand westlicher Neugier geworden war und gleichzeitig einen Kontrast zum Materialismus der Konsumkultur darstellte. Selbst der französische Philosoph Michel Foucault verwies in seinen Schriften über die Revolution von 1979 darauf, wie die Revolution die westlich geprägte Moderne herausforderte und welche Rolle gewöhnliche und marginalisierte Menschen darin spielten.

Kiarostamis Filme waren die bekanntesten Beispiele für diese Themen. Auch Filme über Kinder und ländliche Gemeinschaften wie Panahis „Der weiße Ballon“ (1995) und Majid Majidis für einen Oscar nominierter „Kinder des Himmels“ (1997) fanden in dieser Zeit international Beachtung.

Dieser Trend änderte sich jedoch in den 2000er-Jahren, als sich der Fokus auf die Innenpolitik und gesellschaftliche Fragen im Iran verlagerte. Die Rechte der Frauen wurden zu einem wichtigen Thema. Filme wie Marzieh Meshkinis „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde“ (2000) oder Panahis „Offside“ (2006) wurden auf internationalen Festivals vielfach gezeigt.

In jüngerer Zeit sind „Filme, die marginalisierte Menschen mit einem Hang zu Gewalt und Wutausbrüchen zeigen, zunehmend populär geworden“, sagt Sarafizadeh. Er verweist dabei insbesondere auf Panahis jüngsten Film „Ein einfacher Unfall“ (2025). „Mit dem jüngeren Festival-Kino sind Themen wie Rebellion und Auflehnung für das internationale Publikum attraktiver geworden.“

Für Sarafizadeh sind viele Festivalfilme weder besonders gut geschrieben noch gut gespielt, „aber Zuschauer:innen außerhalb Irans wollen ihnen Glauben schenken“.

Die Zukunft des Festival-Kinos

Andere iranische Regisseure geraten derweil ins Abseits, sagt Sarafizadeh. Als Beispiel nennt er die aktuell negative Rezeption von Asghar Farhadis neuestem Film „Parallele Leben“ (2026), der auf „Dekalog, Sechs“ des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski basiert.

Einige Kritiker:innen warfen Farhadi vor, die moralischen und philosophischen Fragen, die Kieślowskis Werk zugrunde liegen, nicht vollständig verstanden zu haben. Farhadi gilt im Iran als Filmemacher, der eine gewisse Distanz zum Festival-Kino gewahrt hat. In seinen früheren Filmen konzentrierte er sich auf Themen in der iranischen Gesellschaft, insbesondere auf Familie, gesellschaftliche Spannungen und zwischenmenschliche Beziehungen.

In „Parallele Leben“ verlagert er seinen Fokus, im Film kommen keine iranischen Figuren vor. Für Sarafizadeh zeigt die Reaktion auf den Film, wie nichtiranische Kritiker:innen reagieren, wenn iranische Regisseur:innen nicht die Themen bedienen, die von ihnen erwartet werden.

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Sarafizadeh erwartet, dass die großen Festivals bei Filmen aus dem Iran bald nach anderen Themen suchen werden, und zwar als Reaktion auf den US-israelischen Krieg gegen das Land. Ein Indiz dafür sei die Tatsache, dass sich zahlreiche Künstler:innen und Intellektuelle in Europa und Nordamerika gegen den Krieg ausgesprochen haben.

„Die jüngste Generation dieser Festival-Filme, vertreten unter anderem durch Arbeiten von Panahi und Rasoulof, die sich auf die Wut der Gesellschaft und ihren Widerstand gegen die Unterdrückung konzentrieren, nähert sich dem Ende ihres Zyklus“, sagt er.

Seiner Einschätzung nach wird das westliche Publikum nach dem Krieg nach Filmen suchen, die den Konflikt und seine Auswirkungen auf die iranische Gesellschaft darstellen. „Es könnte eine neue Strömung im iranischen Festival-Kino entstehen.“

 

Dieser Artikel ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragen von Leon Holly.

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