„Der Holocaust hat die Islamforschung verändert“
Qantara: Professor Schmidtke, Ihr aktuelles Buch “Scholar of Islam, Victim of the Holocaust: The Tragic Story of Hedwig Klein” erscheint diesen Monat. Wer war Hedwig Klein und warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Sabine Schmidtke: Hedwig Klein wurde am 29. Februar 1911 in Antwerpen geboren, als zweite Tochter von Abraham Wolf Klein und Recha Klein (geborene Meyer). In Hamburg wuchs sie in einem jüdisch-orthodoxen Haushalt auf. Gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester Therese und ihrer Großmutter mütterlicherseits wohnte sie in der Parkallee 26 in Eimsbüttel. Ihr Vater galt als an der Ostfront des Ersten Weltkriegs vermisst und wurde 1926 für tot erklärt.
Klein war eine brillante junge Islamwissenschaftlerin, Arabistin und Philologin an der Universität Hamburg. Ihr Hauptfach war die Islamwissenschaft, als Nebenfächer wählte sie semitische Studien und englische Sprachwissenschaft.
Am 18. Dezember 1937 bestand sie ihre Doktorprüfung mit der Bestnote sowohl in der schriftlichen als auch in der mündlichen Prüfung. Doch aufgrund der Rassengesetze der Nazis wurde ihr als Jüdin der Doktortitel schlussendlich verweigert. Am 11. Juli 1942 deportierte man sie nach Auschwitz, später wurde sie dort ermordet. Sie wurde nur 31 Jahre alt.
Mein Interesse an Hedwig Klein hat vor allem eine Kontroverse geweckt, die um ihre Mitarbeit an Hans Wehrs berühmtem Arabischwörterbuch entstanden war – beziehungsweise um dessen angebliche Verbindung zur arabischen Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“.
Können Sie die politische und intellektuelle Landschaft an der Universität Hamburg in den frühen 1930er-Jahren beschreiben, als Klein dort studierte?
Als sich Hedwig Klein zum Sommersemester 1931 an der Universität Hamburg einschrieb, hatte die Weimarer Republik noch Bestand. Obwohl die Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise, die wachsenden politischen Konflikte und der steigende Antisemitismus bereits spürbar waren, konnte sich Klein noch auf ihr Studium konzentrieren. 1933 änderte sich das schlagartig.
Die Universität Hamburg ist dafür bekannt, die Rassenideologie der Nazis schneller und konsequenter umgesetzt zu haben als die meisten anderen deutschen Universitäten. Fast 20 Prozent der Angestellten der philosophischen Fakultät mussten gehen.
Doch Klein war davon zu Beginn noch relativ abgeschirmt. Das Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients blieb auf Abstand zu den Nazis. Die Präsenz von Studierenden und Lehrenden aus dem Nahen Osten am Institut mag den Einfluss der deutschen Politik auf den Wissenschaftsalltag begrenzt haben.
So gab es diese seltsame Blase innerhalb der Universität, in der echte wissenschaftliche Kollegialität fortbestand, obwohl die Welt draußen für Juden und Jüdinnen immer feindseliger und gefährlicher wurde.
Was genau war die Kontroverse rund um Kleins Beitrag zum Arabischwörterbuch des berühmten deutschen Sprachwissenschaftlers Hans Wehr? Welche Erkenntnisse präsentieren Sie in Ihrem Buch zu diesem Thema?
Seit 2014 haben sich mehrere Blogbeiträge und Online-Essays mit Kleins Beteiligung an der Arbeit befasst, aus der später Hans Wehrs „Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart“ hervorging. Sie behaupteten, das Wörterbuchprojekt stehe im Zusammenhang mit Bemühungen, eine autorisierte arabische Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ zu erstellen. Diese Darstellung hat beträchtliche Aufmerksamkeit erregt und eine Flut von kürzeren Essays und Blogbeiträgen ausgelöst.
Mein Buch zeigt, dass es diesen Zusammenhang zwischen den beiden Projekten nicht gibt. Die Behauptung beruht auf einer Fehlinterpretation eines Briefes von Werner Otto von Hentig aus dem Jahr 1938, dem Leiter des Orientreferats im Auswärtigen Amt. Was von Hentig in diesem Brief tat, war, die Bibliothek des Auswärtigen Amtes zu bitten, die von ihm aufgeführten Wörterbücher zu beschaffen – er bat lediglich darum, dass bereits vorhandene Nachschlagewerke in den Bestand der Bibliothek aufgenommen würden.
Spätere Kommentator:innen interpretierten diesen Brief so, als beklage von Hentig das Fehlen eines arabisch-deutschen Wörterbuchs. Diese Fehlinterpretation ist der Hauptgrund dafür, dass die beiden Projekte – das Wörterbuch und die Übersetzung von „Mein Kampf“ – miteinander vermischt wurden.
Tatsächlich handelte es sich bei dem Wörterbuchprojekt um ein legitimes wissenschaftliches Vorhaben mit einer langen Vorgeschichte in der westlichen arabischen Lexikografie, während die Übersetzung von „Mein Kampf“ ein Propagandaprojekt war. Die beiden hatten nichts miteinander zu tun.
Die Arabistin, die niemand kennt
Hedwig Klein arbeitet in der Nazi-Zeit an einem Wörterbuch, mit dessen Hilfe Hitlers Schmähschrift ins Arabische übersetzt werden soll. Geholfen hat es der Arabistin nicht: Klein wird 1942 in Auschwitz ermordet. Das Wörterbuch aber ist bis heute ein Renner – ohne Verweis auf das Schicksal Kleins. Von Stefan Buchen
Ich muss auch richtigstellen, welchen Umfang Kleins Beitrag hatte. Sie war zweifellos an der Vorbereitungsphase des Wörterbuchs beteiligt – das steht außer Frage. Oft wird behauptet, dass sie das Wörterbuch sogar verfasst habe, während Wehr es lediglich als sein eigenes veröffentlicht habe. Durch meine Recherchen konnte ich die Frühgeschichte des Wörterbuchs rekonstruieren und detailliert analysieren, wer daran beteiligt war, sowie die Beiträge der einzelnen Beteiligten nachvollziehen.
Es stellte sich heraus, dass Klein nur von ungefähr September 1941 bis zum Frühjahr oder Frühsommer 1942 an dem Projekt arbeitete und dass neben ihr noch zehn bis zwölf weitere Personen Material aus veröffentlichten Quellen zusammenstellten. Die Qualität von Kleins Beiträgen war zwar hervorragend – wie alles, was sie anfasste –, doch mengenmäßig kann es nicht viel gewesen sein.
Mit meiner Korrektur der vorherrschenden Darstellung will ich weder die Schwierigkeiten herunterspielen, mit denen Klein während ihrer Arbeit am Wörterbuch konfrontiert war, noch pauschal gutheißen, wie sie dabei behandelt wurde. Und lassen Sie mich eines klarstellen: Ich habe kein Interesse daran, Hans Wehrs Ruf zu verteidigen, auch wenn die Beweislage den Vorwurf der Nazi-Sympathien gegen ihn nicht stützt. Stattdessen möchte ich die historischen Fakten richtigstellen und den irreführenden Darstellungen entgegenwirken, die Kleins Vermächtnis Unrecht tun.
Die wahre Geschichte – von einer jungen jüdischen Wissenschaftlerin mit außergewöhnlichen Begabungen, die auch dann noch intensiv wissenschaftlich arbeitete, als die Welt um sie herum zusammenbrach – ist weitaus fesselnder als die verzerrt dargestellten Erzählungen.
Was sollen die Leser:innen aus Ihrem Buch mitnehmen, insbesondere was die Auswirkungen des Holocaust auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Islam betrifft?
Ich hoffe, die Leser:innen verstehen, dass Kleins tragische Lebensgeschichte etwas viel Größeres beleuchtet als das Schicksal eines einzelnen Menschen. Sie gibt einen Einblick darin, wie der Holocaust die Wissensproduktion über den Islam grundlegend verändert hat – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Die Machtergreifung im Jahr 1933 erschütterte die institutionellen Grundlagen dieses Fachgebiets. Der Holocaust löschte eine ganze Generation jüdischer Wissenschaftler:innen aus – Menschen, die aktiv zur Erforschung des Islam, der semitischen Sprachen und der Kulturen des Nahen Ostens beitrugen. Einige kamen in den Lagern ums Leben. Andere wurden in alle Welt ins Exil getrieben, und viele fanden nie wieder zurück ins akademische Leben.
Der kollektive Verlust ihres Wissens, ihrer Fachkompetenz, ihrer laufenden Forschungsprojekte und der von ihnen aufgebauten wissenschaftlichen Netzwerke ist unermesslich. Die deutsche Vorherrschaft in diesem Fachgebiet fand ein jähes Ende, Deutsch war nicht mehr die Lingua franca der Wissenschaft, und das Fachgebiet veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit.
Kleins Geschichte macht diese abstrakte Geschichte greifbar und menschlich. Da war eine Frau von außergewöhnlichem Talent und Engagement, die im Alter von einunddreißig Jahren ermordet wurde, weil sie Jüdin war.
Den Nazis entkommen, in Kairo erfolgreich
Viele jüdische Musiker:innen flohen aus Nazi-Deutschland. Brigitte Schiffer war eine der wenigen, die sich in Ägypten niederließen. Der deutsche Musikwissenschaftler Matthias Pasdzierny zeichnet im Interview mit Qantara ihre ungewöhnliche Geschichte nach.
Ich hoffe außerdem, dass dieses Buch als Gegengewicht zu der Sensationslust dient, die Kleins Geschichte in den letzten Jahren umgeben hat. Sie verdient es, so in Erinnerung zu bleiben, wie sie tatsächlich war – als begabte Wissenschaftlerin, engagierte Philologin und Frau von bemerkenswertem intellektuellem Mut –, nicht als Requisite in einer aufmerksamkeitsheischenden Erzählung.
Und schließlich hoffe ich, dass dieses Buch den vielen Menschen Ehre erweist, die versucht haben, ihr zu helfen – Rudolf Strothmann, Arthur Schaade, Rudolph Said-Ruete, Carl Rathjens und viele andere –, auch wenn ihre Bemühungen letztlich scheiterten. Ihre Menschlichkeit angesichts eines unmenschlichen Systems ist ebenfalls Teil dieser Geschichte.
Wie Margot Friedländer, die Holocaust-Überlebende, deren Worte ich als Vorwort für mein Buch gewählt habe, gesagt hat: „Seid Menschen!“ Das ist vielleicht das Wichtigste, was jeder Leser und jede Leserin daraus mitnehmen kann.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis. Eine längere Version des Interviews erschien im Blog des Institute of Advanced Study an der Princeton University.
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