Die Versprechen der Revolution bleiben unerfüllt
Als das Assad-Regime im Dezember 2024 zusammenbrach, überschwemmte Euphorie das Land. In nur elf Tagen hatte die letzte Rebellenoffensive aus Idlib Damaskus erreicht. Assads Armee führte keine letzte Schlacht in Damaskus, wie viele befürchtet hatten, sondern löste sich einfach auf. Während der letzten Kämpfe gab es keine Massaker an religiösen Minderheiten und kaum zivile Opfer. Statt mit einem großen Knall ging die Tyrannei, die über 50 Jahre lang mit harter Hand regiert hatte, mit einem Winseln von der Bühne.
Die Syrer:innen konnten ihr Glück kaum fassen. Nach Jahrzehnten, in denen öffentliche Versammlungen verboten gewesen waren, strömten nun Männer und Frauen, säkular wie religiös, auf die Straßen und feierten. In den ersten Tagen waren triumphierende Gewehrsalven und die Jubeltriller der Frauen zu hören. Bald versammelten sich viele auf den Plätzen der Städte, tanzten in Gruppen und schwenkten die Fahne der Revolution. Das Revolutionslied „Kopf hoch / Du bist ein freier Syrer“ klang überall aus den Lautsprechern.
Viele kleinere Feiern erhellten in den folgenden Wochen und Monaten die zerstörten Städte und Dörfer, Vertriebene kamen nach Hause und trafen nach langer Zeit wieder auf ihre Verwandten. Insgesamt sind mittlerweile über drei Millionen Menschen in ihre Heimatorte zurückgekehrt, aus dem Ausland oder aus anderen Teilen Syriens. Die Begeisterung nach der Befreiung hält an. Selbst ein Jahr nach dem Sturz Assads sah ich Menschen am Damaszener Flughafen ankommen, eingewickelt in die Flagge der Revolution.
Die Ungewissheit der Freiheit
Zu Besuch im Folterkeller des Assad-Regimes, bei Kalaschnikow schwingenden Rebellen und einem ängstlichen Erzbischof. Karim El-Gawhary berichtet aus dem „neuen Syrien“. Eine historische Momentaufnahme.
Doch in Wahrheit hat die Befreiung länger gedauert als elf Tage. Sie folgte auf fast 14 Jahre Revolution und Krieg. In dieser Zeit hatte sich das Assad-Regime selbst ausgehöhlt und das Land war in Hochburgen verschiedener Milizen zersplittert. Über die Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben.
Auf der Suche nach Schutz und Solidarität wandten sich viele Syrer:innen subnationalen Identitäten zu: Religiöse, regionale oder ethnisch definierte Gruppen wurden wichtig. Die zivil-demokratische Revolution brachte in den ersten Jahren noch Hunderte selbstorganisierte Verwaltungsgremien auf lokaler Ebene hervor. Später kamen sie gegen die Gewalt der Warlords und ausländischer Staaten nicht mehr an und wurden aufgerieben.
Doch es wäre nicht ganz richtig zu sagen, dass die Revolution gewonnen hat, auch wenn das Regime kollabiert ist. Stattdessen hat die stärkste Rebellenmiliz – Hayat Tahrir al-Scham (HTS) unter der Führung von Ahmad al-Scharaa – die Macht übernommen, nachdem Assad geflohen war.
Viele Vertreter:innen der ursprünglich zivilen Revolution reagierten mit Unbehagen. Mein Kollege Amer Matar, Direktor des Dokumentationsprojekts „Prison Museum“ brachte es auf den Punkt: „Vor zehn Jahren schlug [al-Scharaas] Gruppe Revolutionär:innen den Kopf ab. Wie können wir diesen Leuten vertrauen? Zwischen uns ist Blut geflossen.“ Mein im Juni erscheinendes Buch trägt dieses Zitat im Titel: „The Blood between us: Syria After the Fall of Assad“.
HTS regiert Syrien per Präsidialdekret
Es ist problematisch, dass eine autoritäre islamistische Miliz im multikulturellen Syrien die Macht übernommen hat. Und doch hätte es so viel schlimmer kommen können. Die Regierungserfahrung in der Oppositionsenklave Idlib im Nordwesten Syriens hat HTS moderater gemacht. Von ihrer ursprünglich salafistisch-dschihadistischen Ideologie hat sich die Miliz hin zum traditionellen sunnitischen Mainstream entwickelt.
Ihre sogenannte Heilsregierung in Idlib hatte der Zivilgesellschaft erlaubt, öffentliche Dienstleistungen zu erbringen, und lernte, ein gewisses Maß an Widerspruch und Kritik zu tolerieren. Es war nicht der „Islamische Staat“ (IS), der in Syrien die Macht übernommen hat, wie manche Populist:innen behaupten. Vielmehr übernahm eine Miliz das Regierungsgeschäft, die sowohl gegen den IS als auch gegen al-Qaida gekämpft und bereits mit Staaten wie der Türkei und den USA zusammengearbeitet hatte.
Die meisten Syrer:innen unterstützen ihre neue Regierung und loben ihre ohne Zweifel anzuerkennenden Erfolge. Ohne die Disziplin und militärische Stärke von HTS wäre die Befreiung vom Assad-Regime nicht verwirklicht worden. Seitdem hat die HTS-geführte Regierung den bis dato von den kurdisch dominierten „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) regierten Nordosten in die Zentralregierung integriert und so das Überleben des syrischen Staates gesichert.
Dank seiner geschickten Diplomatie hat das lange Zeit isolierte Syrien wieder Anschluss an die Welt gefunden, was zur Aufhebung von US- und EU-Sanktionen beigetragen hat. Die wirtschaftlichen Fortschritte – wie die ganztägige Stromversorgung in manchen Gebieten – sind offensichtlich, auch wenn sich die Wirtschaft nach wie vor in der Krise befindet.
Der falsche Erlöser
Er wird dafür gefeiert, das Land vom Assad-Regime befreit zu haben. Doch Syriens Präsident Ahmed al-Scharaa hat eine dunkle Vergangenheit. Verfallen die Syrerinnen und Syrer aus Verzweiflung erneut einem brutalen Diktator?
Doch trotz der Erfolge ist die Regierung nur im engeren Sinne „revolutionär“, insofern, als sie auf die alte kollabierte Ordnung folgt. Anstatt einen Übergangsrat einzuberufen, in dem die verschiedenen politischen Strömungen vertreten sind – Linke, Liberale, Nationalisten sowie Islamisten –, behält die neue Regierung die eigentliche Macht innerhalb der eigenen Reihen. Zwar hat sie einen kurzen „Nationalen Dialog“ organisiert, doch dieser war weder wirklich national noch ein echter Dialog.
Bisher wurde zu viel per Präsidialdekret regiert. Es besteht zwar Hoffnung, dass dieser Zustand temporär ist. Schließlich besteht die Notwendigkeit, erst Unterkünfte zu bauen und Geflüchteten die Heimkehr zu ermöglichen, um sie in einem Wählerregister registrieren zu können. Erst dann sind echte Wahlen auf nationaler Ebene möglich. Doch gleichzeitig bereitet das langsame Tempo der politischen Reformen Sorgen, beispielsweise gibt es noch immer kein Parteiengesetz. Syrer:innen haben keine Möglichkeit, sich auf einer nationalen Ebene politisch zu organisieren.
Euphorie als positive Kraft
Die politische Unsicherheit trifft auf harsche wirtschaftliche Bedingungen und lässt die anfängliche Euphorie schwinden. Es wächst die Enttäuschung. Schlimmer noch: Einige „Minderheiten“, denen zu Beginn Sicherheit versprochen wurde, haben mittlerweile eine Angst vor der Regierung entwickelt oder zumindest vor der neuen „sunnitischen“ Ordnung und der damit einhergehenden Identitätspolitik. Dass eine islamistische Miliz an die Macht gekommen ist, die sich dem Schutz und dem Dienst an der sunnitischen Mehrheit verschrieben hat, löst bei anderen Gruppen die Furcht aus, marginalisiert zu werden.
Viele Alawit:innen fühlen sich, als würden sie kollektiv für die Verbrechen des alawitisch dominierten Assad-Regimes bestraft. Im März 2025 verübten einige regierungstreue Milizen nach einem Aufstand von Assad-Anhängern in alawitischen Gebieten religiös motivierte Massaker an alawitischen Zivilist:innen. Entführungen und vereinzelte Morde kommen weiterhin vor.
Im Juli 2025 verübten regierungstreue Kräfte dann Massaker an drusischen Zivilist:innen in Suwayda – zweifellos der Tiefpunkt des Übergangsprozesses. Bis heute ist Suwayda traumatisiert und entschlossen, die Autorität des Zentralstaates nicht anzuerkennen.
Trauma und die daraus resultierenden Ressentiments sowie Wut sind das negative Gegengewicht zur Begeisterung. Gemeinschaften – Familien und Dörfer ebenso wie religiöse und ethnische Gruppen – wurden durch Diktatur und Krieg gespalten und sinnen oft auf Rache gegeneinander. Auch in diesem Sinne ist zwischen Syrer:innen Blut geflossen.
Wie kann das Land wieder geeint werden? Wie kann verhindert werden, dass die Geschädigten das Recht in die eigene Hand nehmen und damit neue Kreisläufe aus Ressentiments und Rache auslösen? Eine umfassende und transparente Übergangsjustiz ist unerlässlich, doch der derzeitige Prozess ist nach wie vor unvollständig, langsam und mangelhaft.
Die Regierung geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum die Gemüter beruhigen wird, doch ihr Laissez-faire-Kurs – der Abbau von Subventionen und die Genehmigung zollfreier Importe – provoziert ebenfalls Ärger. Verschärft durch den jüngsten Konflikt zwischen den USA und dem Iran tobt in Syrien eine Krise der Lebenshaltungskosten. Jüngst kam es zu Protesten gegen die Strompreise und den Aufkaufpreis, zu dem der Staat den Bauern Weizen abnimmt.
Die Regierung verspricht den kriegsmüden Syrer:innen Stabilität. Niemand möchte in das gewalttätige Chaos zurückfallen. Wird die Stabilität jedoch übermäßig betont, so besteht die Gefahr, dass die Übergangsregierung erneut ein stark zentralisiertes, autoritäres und somit unflexibles System aufbaut. Scheitert ein solches System, droht es vollständig zusammenzubrechen. Letztlich könnte das Streben nach Stabilität in die chronische Instabilität zurückführen.
Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit
Es wird für Syrien nicht leicht sein, zwischen Chaos und autoritärer Kontrolle sicher zu navigieren. Beide Extreme scheinen für eine aus dem Krieg kommende, traumatisierte Gesellschaft wahrscheinlicher als eine glücklichere, demokratischere Alternative. Syrer:innen sind jedoch zu Hunderttausenden für Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit gestorben – um eine Forderung der Proteste von 2011 zu zitieren. Diese Ziele bleiben für viele zentral.
Ein Grund für Optimismus ist die Begeisterung, die in den Herzen der meisten Syrer:innen nach wie vor lebendig ist, auch wenn sie mittlerweile von Enttäuschung getrübt ist. Begeisterung ist nicht nur eine Ressource, die von den Machthabern genutzt oder verspielt werden kann; sie ist eine positive Kraft an sich.
Die Syrer:innen sind überglücklich, dass Assad gestürzt ist und der Krieg mehr oder weniger vorbei ist. Sie wollen, dass der neue Staat für sie funktioniert, und sind bereit, hart dafür zu arbeiten. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit ihren Nachbar:innen, um dringende Probleme zu lösen. In der Folge blüht die lokale Demokratie auf.
Es bleibt die Frage, ob die gesellschaftliche Beteiligung auch auf nationaler Ebene möglich wird oder die Begeisterung, die die Gesellschaft vorwärtsbringt, an der Gegenkraft des Traumas zerschellt.
Robin Yassin-Kassabs neues Buch „The Blood Between Us: Syria After the Fall of Assad” erscheint am 4. Juni bei Saqi Books.
Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.
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