Was Putin im Nahen Osten zum starken Mann macht

Viele Araber fühlen mit den Ukrainern. Doch gleichzeitig ergreifen in den sozialen Medien viele Partei für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das liegt an einer tiefgreifenden Spaltung der arabischen Welt. Von Amr Salah   

Von Amr Salah

Der russische Angriff auf die Ukraine hat in den arabischen Gesellschaften eine Debatte losgetreten. Zwar bekunden viele Araber spontan ihre Sympathie mit den Ukrainern, doch gleichzeitig findet der russische Präsidenten Wladimir Putin in den sozialen Medien deutliche Unterstützung. Und dies trotz der vielen Kriegstoten und Vertriebenen sowie der Folgen des Ukrainekriegs für die Wirtschaft in der arabischen Region. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf: Was bringt Teile der arabischen Gesellschaften dazu, sich auf die Seite Putins zu stellen?  

Seit 2011 sind die Reaktionen der arabischen Öffentlichkeit auf die Politik im Nahen Osten stark polarisiert. Die Spaltung zwischen säkularen und religiösen Standpunkten beeinflusst die Reaktion auf innenpolitische und regionale Themen, während die Polarisierung zwischen Anhängern einer demokratischen Staatsführung einerseits und Verfechtern eines autoritären Modells andererseits die Reaktionen auf viele globale Themen prägt; so auch die Debatte über den russischen Angriff auf die Ukraine.

Diese Polarisierung bestimmt auch das anhaltende Ringen um zwei Sichtweisen über die Ursachen der arabischen Konflikte und die zunehmend prekäre Lage in vielen arabischen Ländern seit 2011. Aus demokratiefreundlicher Sicht sind die Probleme eine zwangsläufige Folge der jahrzehntelangen Tyrannei in der Region. Für die Vertreter der anderen Sichtweise tragen die arabischen Aufstände, die Verfechter der Demokratie und der Westen die Schuld.

Das autoritäre Narrativ offenbart eine populistische Stimmung: Das Modell des starken Mannes (so wie es Putin verkörpert) soll die arabischen Gesellschaften auf ihrem Entwicklungsweg inspirieren und ihnen Einfluss auf die globale Ordnung verleihen. In den Augen seiner Befürworter hat dieses Modell das Potenzial, Widersprüche mit eiserner Faust aufzulösen, die nationale Sicherheit vorrangig zu behandeln und eine rasche Modernisierung der Gesellschaften von oben ohne störende demokratische Debatten zu gewährleisten.

Proteste in Berlin gegen Russlands Invasion in der Ukraine; Foto: guetty Images
Protest gegen den Ukraine-Krieg in Berlin: Heute vertreten viele arabische Medienplattformen ein Narrativ, das die russische Invasion mit dem Verweis auf Russlands Recht auf Verteidigung seiner nationalen Sicherheit rechtfertigt. Nach dieser Logik ist die Ukraine eine Marionette des Westens, die Feindseligkeiten angezettelt und Russland bedroht hat. Damit der Ukraine-Krieg für das arabische Publikum eine höhere Relevanz gewinnt, werden die "farbigen Revolutionen“ in Osteuropa oft mit dem Arabischen Frühling verglichen, wobei unterstellt wird, dass beide Ereignisse auf eine Verschwörung des Westens zurückgehen.

Das Narrativ der starken Männer

Diese Argumente begründen auch die öffentliche Unterstützung von Militärs wie Präsident Abdelfattah al-Sisi in Ägypten und Milizenführer Chalifa Haftar in Ostlibyen. Diese Stimmung nutzte auch Tunesiens Präsident Kais Saied, als er den demokratischen Reformkurs seines Landes aussetzte und auf einen autoritären Kurs einschwenkte.  

China und Russland gelten als Beispiele für die autoritäre Herrschaft starker Männer, wobei insbesondere Wladimir Putin große Aufmerksamkeit zukommt. Folgt man diesem Narrativ, so hat Putin sein Land aus dem Chaos der Perestroika befreit, die das Verschwörungswerk westlicher Regierungen mit dem Ziel war, die Sowjetunion zu zerschlagen. In ähnlicher Weise werden die Aufstände von 2011 als Versuch gedeutet, die arabische Region zu spalten.

Putin wird zudem als Führungspersönlichkeit gesehen, die sich der westlichen Verschwörung von der Demokratisierung Osteuropas entgegenstellte, den Westen von russischer Energie abhängig machte, Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen nahm, das syrische Regime gegen westliche und islamische Kräfte erfolgreich stabilisierte und die Beziehungen zu den arabischen Regierungen intensivierte, als deren Differenzen mit dem Westen wuchsen.

Demnach ist Putin nicht nur ein "Freund“ und der "Feind eines Feindes". Seine Staatsführung gilt auch als ein erfolgreiches Modell dafür, wie man die Schwächen eines Staates in Stärken verwandeln kann. Araber, die sich eine andere Zukunft wünschen, sollten dem Modell Putins folgen, so die Argumentation. 

Auch die offiziellen westlichen Reaktionen auf den russischen Einmarsch in die Ukraine tragen zur Unterstützung für Putin in der arabischen Bevölkerung bei. Für Putins Anhänger zeigt sich in den Reaktionen die Doppelmoral des Westens. Sie widersprechen auch der vorherrschenden westlichen Sichtweise auf die arabischen Krisen.

Führende westliche Länder haben den russischen Angriff auf die Ukraine als völkerrechtswidrige Invasion bezeichnet, die Annexion von ukrainischen Gebieten verurteilt, in den Konflikt eingegriffen und in kurzer Zeit ihr globales Potenzial gegen Russland mobilisiert. Dies umfasst die Bewaffnung des ukrainischen Widerstands zur Unterstützung des Rechts auf gewaltsame Gegenwehr, Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Russland sowie Sanktionen gegen Russland, wie beispielsweise den Ausschluss des Landes aus dem globalen Finanz- und Bankensystem.

Syrische Rebellen zeigen ihre Unterstützung für die Ukraine; Foto AFP
Doppelstandards im Westen: In der arabischen Welt hat man nicht vergessen, dass sich im Jahr 2003 westliche Länder einer von den USA geführten "Koalition der Willigen“ gegen den Irak anschlossen. Andere duldeten die Invasion zumindest. Die von vielen juristischen Fachleuten als völkerrechtswidrig betrachtete Invasion wurde damals im Westen als ein Akt der "Befreiung“ dargestellt. Auch haben westliche Länder jahrzehntelang die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete ignoriert, die faktische Annexion palästinensischen Territoriums durch die israelische Regierung nicht beachtet, den palästinensischen und irakischen Widerstand als Terrorismus bezeichnet und versucht, Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Israel wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in den palästinensischen Gebieten zu verhindern.

Widerstand wird mit zweierlei Maß gemessen

Im Unterschied dazu schlossen sich westliche Länder im Jahr 2003 einer von den USA geführten "Koalition der Willigen“ gegen den Irak an. Andere westliche Länder duldeten die Invasion zumindest. Die von vielen juristischen Fachleuten als völkerrechtswidrig betrachtete Invasion wurde damals im Westen als Akt der "Befreiung“ von Diktator Saddam Hussein dargestellt.

Genauso haben westliche Länder jahrzehntelang die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete ignoriert, die faktische Annexion palästinensischen Territoriums durch die israelische Regierung nicht beachtet, den palästinensischen und irakischen Widerstand als Terrorismus bezeichnet und versucht, Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Israel wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in den palästinensischen Gebieten zu verhindern. Außerdem bezeichneten offizielle Vertreter derselben Länder Kampagnen zum Boykott Israels als antisemitisch. In einer polarisierten arabischen Welt, die von Gegensätzen geprägt ist, nähren Zweifel an der Glaubwürdigkeit der westlichen Sicht auf den Ukrainekrieg das russische Narrativ, das genau diese Widersprüche adressiert.  

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Einstellung der Araber zum Ukraine-Krieg ist die Haltung der arabischen Medien. Viele arabische Medienplattformen werden weitgehend von regionalen Autokratien gelenkt und produzieren im Wesentlichen innerstaatliche Propaganda zur Stabilisierung der jeweiligen Regime. Diese Ausrichtung geht zulasten einer objektiven Berichterstattung und einer differenzierten Einordnung von Ereignissen und Positionen.

So provozieren arabische Medien die Einteilung der Welt in den Osten auf der einen und einen hegemonialen Westen auf der anderen Seite. Sie führt letztendlich dazu, dass ein antiwestliches und gegenüber der Ukraine kritisches Narrativ ganz oder teilweise übernommen wird. Dieses geht einher mit einer Rhetorik, die den Begriff der Demokratie diffamiert und ihn mit globaler Verschwörung und westlichen Doppelstandards konnotiert. In diesem Narrativ bildet der Westen eine homogene Gruppe, in der es keine Unterschiede zwischen Gemeinschaften, Regierungen, der öffentlichen Meinung und der Zivilgesellschaft gibt, ebenso wenig wie zwischen rechten, linken, progressiven und konservativen Positionen.

Heute vertreten viele arabische Medienplattformen (u.a. Sky News Arabia, Alikhbaria Syria, Al Mayadeen und die tunesische Alchourouk) ein Narrativ, das die russische Invasion mit dem Verweis auf Russlands Recht auf Verteidigung seiner nationalen Sicherheit rechtfertigt. Nach dieser Logik ist die Ukraine eine Marionette des Westens, die Feindseligkeiten angezettelt und Russland bedroht hat. Damit der Ukrainekrieg für das arabische Publikum eine höhere Relevanz gewinnt, werden die "farbigen Revolutionen“ in Osteuropa oft mit dem Arabischen Frühling verglichen, wobei unterstellt wird, dass beide Ereignisse auf eine Verschwörung des Westens zurückgehen.

Markt in Tunis; Foto: picture-alliance
Zwar bekunden viele Araber spontan ihre Sympathie mit den Ukrainern, doch gleichzeitig findet der russische Präsidenten Wladimir Putin in den sozialen Medien deutliche Unterstützung. Und dies trotz der vielen Kriegstoten und Vertriebenen sowie der Folgen des Ukraine-Kriegs für die Wirtschaft in der arabischen Region. Das hat vor allem mit einer starken Polarisierung zwischen säkularen und religiösen Standpunkten sowie zwischen demokratischen und autoritären Ansätzen in der Region seit dem Arabischen Frühling zu tun. Sie beeinflusst die Reaktion auf innenpolitische und regionale Themen und auf die Debatte über den russischen Angriff auf die Ukraine.

Der geheimnisvolle KGB-Mann als personifizierte Männlichkeit

Weitere Vergleiche betreffen den Überfall auf die Ukraine und den Einmarsch in den Irak oder die Reaktionen des Westens auf die Ukraine und die Palästinenserfrage sowie den unterschiedlichen Umgang mit ukrainischen Flüchtlingen und Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Während der ukrainische Präsident als Witzfigur dargestellt wird, gilt der russische Präsident als Schöpfer eines neuen Russland, als Anführer, der die westliche Hegemonie herausfordert, und als Befehlshaber, der über ein erstaunliches, selbstentwickeltes Waffenarsenal verfügt, an dem arabische und muslimische Länder teilhaben können.

In dieser Darstellung verkörpert der geheimnisvolle KGB-Mann die personifizierte "Männlichkeit“. Als Ritter mit nacktem Oberkörper sitzt er auf seinem Pferd, betreibt Kampfsport oder jagt in den Wäldern. Dieses Framing unterstreicht die dedizierten Botschaften der russischen arabischsprachigen Medien.  In den Beiträgen russischer Analysten in arabischen Medienkanälen, die Putins Positionen vertreten, geht es stets um den Kampf zwischen Ost und West, um Russlands Freundschaft mit den Arabern, um die Beziehungen zwischen der Ukraine und Israel und um die russische Unterstützung der arabischen Sache in internationalen Foren während der letzten Jahrzehnte.  

Auch der Traum von einer multipolaren Welt könnte die Unterstützung für Putin in der arabischen Region erklären. Der Überfall Russlands auf die Ukraine begünstigt das Narrativ von einer neuen Weltordnung, in der Chinas wirtschaftlicher Einfluss wächst und Russland geopolitisch expandiert.

Dieses Narrativ verwebt Analysen mit Wunschdenken, Nostalgie und der Unzufriedenheit der Araber mit dem vorherrschenden unipolaren System. Die vom Westen geschaffenen internationalen Institutionen erscheinen mit Bezug auf die arabischen Krisen politisch inkonsistent. Von der internationalen Ordnung, die der Westen geschaffen und gefördert hat, profitiert dieser scheinbar am meisten.

Von den arabischen Ölmonarchien einmal abgesehen, sind die Indikatoren für Wirtschaft und Entwicklung in der arabischen Welt auch heute noch düster. In vielen arabischen Ländern leiden die Menschen unter Armut und Krieg oder sehen ihren einzigen Ausweg in der Flucht. Manche arabische Länder entwickeln sich immer mehr zu gescheiterten Staaten.

Bis sich diese Länder wieder erholt haben, können Jahrzehnte vergehen. In diesem Kontext vermischen sich künftige Ambitionen mit nostalgischen Vorstellungen und kollektiven Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges. Damals galt die UdSSR als Verbündeter der arabischen Regime, als Garant für das Gleichgewicht der Kräfte, als Quelle militärischer und wirtschaftlicher Hilfe und als Unterstützer ehrgeiziger arabischer Bemühungen um Befreiung. 

Amr Salah

© Carnegie Endowment for International Peace 2022  

Amr Salah ist ein ägyptischer Schriftsteller, Forscher und Doktorand an der Carter School for Peace and Conflict Resolution der George Mason University, Washington, USA.  

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers